Coffee Time auf Schwedisch
Seinerzeit im Musikunterricht – lang, lang ist’s her – sangen wir noch den Kanon »C-A-F-F-E-E, trink nicht so viel Kaffee …« und so weiter. Ein Lied, welches zwischenzeitlich dem Korrektsprech unserer Zeit zum Opfer gefallen und aus den Kinderliederbüchern längst verschwunden ist, weil es darin– horribile dictu – um Türken und Moslems (ok, letzteres mit einer eindeutig abwertenden Bezeichnung) geht, die, so suggeriert der weitere Liedtext, sehr viel Kaffee trinken. Und selbiger sei doch ungesund. Nix für Kinder – und überhaupt!
Diese angebliche Gefahr des Kaffeetrinkens führt uns heute in das Schweden des 18. Jahrhunderts. Kaffee und auch Tee waren damals die angesagten hippen Getränke der schwedischen High Society, vergleichbar etwa mit dem, wofür heute Prosecco oder Aperol-Spritz stehen. Dem damaligen König, ein gewisser Gustav mit der Nummer drei, vermutlich eine puritanische Spaßbremse, war der Konsum dieser Getränke ein Dorn im herrschaftlichen Auge. Kurzum, er war der Meinung Kaffee und Tee seien höchst gefährliche Getränke und schädigten die Gesundheit seines Volkes oder besser gesagt: seiner Steuerzahler.
Weder Verbote noch prohibitiv hohe Steuern auf Kaffee und Tee nützten etwas, die schwedische Schickeria soff sie zum Ärger seiner königlichen Hoheit weiter.
Doch wie führt man seinen unwilligen Untertanen die Gefahren am besten vor Augen? Und so hatte er die Idee eines Feldversuchs, der, so seine Hoffnung, endgültig beweisen sollte, dass der Konsum von Kaffee und Tee höchst gefährlich sei. Da kam ihm gerade recht, dass ein eineiiges Zwillingspärchen wegen eines gemeinsam begangenen Mordes zum Tode verurteilt war. Mit seiner königlichen Gewalt begnadigte er die beiden, wandelte ihre Strafen in lebenslange Haft um, allerdings unter der Bedingung, dass der eine jeden Tag eine Kanne Kaffee und der andere die gleiche Menge Tee trinken müsse. So lange, so seine Hoffnung, bis die beiden an den Folgen des Konsums dahinscheiden sollten. Es schwebte ihm sozusagen eine Exekution mittels Koffein vor; andere Zeiten, andere Hinrichtungsformen.
Um dem Test ein wissenschaftliches Mascherl umzuhängen, beauftragte er zwei Ärzte mit der Beobachtung des Testverlaufs. Doch die koffeingeschwängerte Sache lief dem guten König völlig aus dem Ruder. Zuerst starb der eine Arzt, dann der andere. Die beiden Delinquenten mussten jedoch weiterhin ihre tägliche Kanne Kaffee respektive Tee zu sich nehmen.
Wenn man kein Glück hat, kommt bekanntlich Pech hinzu und so verblich der gute Gustav III. im Jahre 1792 im Alter von 46 Jahren. Nicht an Kaffee und nicht an Tee, sondern an einer Ladung Schrot, die ihm ein Attentäter anlässlich eines Balls in den Bauch geschossen hatte. Und die beiden Häftlinge schlürften weiter ihre tägliche Kanne – königliche Befehle gelten auch posthum. Der Teetrinker starb im Alter von sage und schreibe 83. Wann den Kaffeetrinker das Zeitliche gesegnet hat, ist nicht überliefert, da sich nach dem Ableben seines Bruders niemand mehr um ihn gekümmert hat.
Und die Moral von der Geschicht‘? Die überlasse ich Ihnen, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser, ich hole mir jetzt auf alle Fälle einen guten Espresso aus der Küche.
2023 07 30/Fritz Herzog