FederLesen

Die Leiden der jungen Wörter

Zu Beginn muss ich mich bei Hans Weigel entschuldigen, dem ich den Titel meines heutigen Beitrags geklaut habe. Der 1991 verstorbene Hans Weigel veröffentlichte 1974 ein Buch mit diesem Titel. Da er wiederum den Buchtitel irgendwie bei Goethe geklaut hatte, erlaube ich mir das auch. In diesem Büchlein, er nannte es ein Antiwörterbuch, setzte er sich satirisch mit den Modewörtern und den Verhunzungen der deutschen Sprache in den 60er- und 70-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts auseinander. Er hätte sich sicher nicht träumen lassen, dass Manches, das er damals belustigt ankreidete, heute im Mainstream (Jössas, schon wieder so ein Modewort) unserer Sprache angekommen ist.

Ich will jetzt gar nicht gegen die vielen Anglizismen hetzen, die längst in unseren Alltag eingedrungen sind und auch nicht gegen die Abkürzungsmanie, den zwanghaften Versuchen alles Mögliche und Unmögliche durch Abkürzungen zu ersetzen. Ich verwende sie ja auch. Von MfG bis GLG und von NLP bis FDH ist unsere Welt von Abkürzungen durchwoben, dass einem schwindlig werden kann. Wenn ich mit meinen bescheidenen Mathematikkenntnissen richtig gerechnet habe, kann man mit drei Buchstaben aus den sechsundzwanzig des Alphabets 17.576 Variationen erstellen (Bitte um Korrektur, falls ich falsch gerechnet habe). Jedenfalls eine erkleckliche Anzahl. Nur, wenn die Abkürzungsmanie im bisherigen Tempo weiter fortschreitet, wird man bald um Doubletten nicht herumkommen; ein Ausweichen auf vier statt drei Buchstaben wäre eine unnütze Verlängerung und kann den Abkürzungsfetischisten nicht zugemutet werden.

Da niemand mehr einen kompletten Überblick hat, werden viele Abkürzungen durch Emojis ersetzt, die mittlerweile ebenfalls inflationär durch das Internet geistern. Übrigens: kann mir bitte wer ein halbwegs vernünftiges deutsches Wort für Emoji sagen? Egal – das nur nebenbei!

Welche Abkürzungen und neuen Begriffe in den letzten Monaten in unseren Alltag Einzug gehalten haben, das hätte sich Hans Weigel selbst in seinen wirrsten Träumen nicht ausdenken können.

Was den Österreichern die AGES, den Deutschen das RKI und den Schweizern das BAG ist, alle drei haben uns täglich mit den latest news zu SARS und CoV2 beglückt. Dabei ist es doch wirklich ganz einfach:

Wenn durch eine zu geringe Resilienz in einem Cluster der Reproduktionskoeffizient R über den Faktor eins ansteigt, dann muss ein lockdown, auch shutdown genannt, her, der die Kids zum homeschooling und deren Eltern nolens volens zum homeoffice vergattert und unser aller Antlitze hinter den MNS verhüllt, was wiederum dem einzigen  Zweck des containments dient, um ein Ausbreiten der Pandemie hintan zu halten.

Ist doch eh alles ganz klar verständlich! Oder?

2020 07 11/Fritz Herzog

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