FederLesen

Wo die Winde wehen …

Vorweg gleich einmal eine Warnung Ihres FederLesen Autors: Der heutige Beitrag ist nichts für zart besaitete Gemüter. Aber, und darauf kann ich gar nicht oft genug hinweisen, FederLesen ist eben nichts für Waisenknaben und es geht hier auch nicht zu wie in einem Mädchenpensionat (womit ich die Klischees gendermäßig hoffentlich gerecht verteilt habe).

Vor wenigen Tagen ging es bekanntlich durch die Medien, dass in Wien ein Student zu einer erklecklichen Geldstrafe verdonnert wurde, weil er des Nachts am Bennoplatz im Angesicht eines Polizisten einem Darmwind lautstark die Freiheit schenkte. [Bitte nochmals zur Klarstellung: ich schrieb »im Angesicht« und nicht »ins Angesicht«, womit wieder einmal bewiesen ist, dass sprachlich kleine Unterschiede oft große Auswirkungen haben können.] So eine Missetat kann also weder als ein »Schas im Wald« noch als solcher eines Lercherls bezeichnet werden, zumal es am Bennoplatz keinen Wald und wahrscheinlich auch keine Lerchen gibt.

Wir lernen also aus dieser Begebenheit, dass das öffentliche Ablassen einer Flatulenz, welches zwar generell in unserer Gesellschaft als unschicklich gilt, im Beisein eines obrigkeitlichen Vertreters, wie eben beispielsweise eines Polizeibeamten, jedoch strafbar ist. Ob das Strafausmaß in irgendeinem Register tariflich festgehalten ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Vielleicht fällt es auch nur unter Amtsehrenbeleidigung oder ähnlicher Tatbestände.

Zugegeben, das war nicht immer so. Martin Luther, dem wir nicht nur seine fünfundneunzig Thesen und die Reformation, sondern auch eine Reihe mehr oder weniger wichtiger Lebensweisheiten verdanken, sah das gänzlich anders. In seiner Aussage »Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz« steckt doch mehr Lebensweisheit als in sämtlichen Lebensratgebern, wie sie ganze Regale in den Buchhandlungen füllen. Gut, mit anderen Aussagen liegt er aus heutiger Sicht nicht mehr ganz so richtig. So zum Beispiel sein Rat an Eheleute »In der Woche zwier, schaden weder ihm noch ihr, macht im Jahre hundertvier« mag einem zu viel oder zu wenig erscheinen; je nachdem! Der ihm nur zugeschriebene Tischspruch »Warum rülpset und furzet ihr nicht? Hat es euch nicht geschmecket?« scheint heute ebenfalls nicht mehr zeitgemäß. Sicher auch aus dem olfaktorischen Grund der sonstigen Überlagerung des guten Duftes der Speisen. Schließlich wollen wir doch mit allen Sinnen genießen. Aber Genuss ist, wie wir an diesem Beispiel unschwer erkennen, ein subjektiver Begriff.

Es gibt aber noch einen Grund, weshalb man heute flatulatorisch zurückhaltender sein sollte als zu Luthers Zeiten. So ein Darmwind enthält einen großen Anteil an schädlichem CO². Den argentinischen Rinderherden den massenhaften Ausstoß von Kohlendioxyd vorzuwerfen und selbst in Luthers Sinne fröhlich vor sich hin zu furzen, geht heutzutage eben gar nicht.

So gesehen war die Polizei wahrscheinlich im Sinne des Klimaschutzes unterwegs und die an den Studenten verhängte Polizeistrafe war richtungsweisend und eine vorweg genommene CO²-Abgabe. Ob man am Bennoplatz jetzt deswegen freier atmen kann, wäre allerdings noch zu überprüfen.

2020 06 24/Fritz Herzog

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