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FederLesen

Vom Homeoffice und Handarbeiten

Wenn die ältere Generation früher etwas erzählte, teilte sie die Zeit in »vurm Kriag« und »nochn Kriag«, also vor und nach dem 2. Weltkrieg. Dieser war mit all seinen Schrecken für diese Generation so etwas wie eine Zeitenwende. Und ich ertappe mich dabei den 16. März 2020 als eine Zeitenwende zu beschreiben und teile die Geschichte gelegentlich in »vur Corona« und »nooch Corona«.

Auch wenn der Vergleich mit dem Weltkrieg mehr als hinkt, teilte dieser 16. März doch unser Leben – ob wir wollen oder nicht. Wen hat davor der Impfstatus fremder Menschen interessiert und wer belächelt heute noch die japanischen Touristen, die hinter Masken versteckt durch die Innenstadt ziehen?

Den Begriff Homeoffice kannten wir zwar, ausgeübt wurde er jedoch von kaum jemandem und siehe da, plötzlich war der in aller Munde. Ihr FederLesen-Autor hatte das Glück seines Alters, da er sich vor der besagten Zeitenwende in den Ruhestand vertschüssen konnte, sodass ihm die Freuden wie auch die Leiden des Homeoffice nicht mehr zuteilwurden.

Zweifellos hat das Homeoffice seine Vorteile. Man erspart sich den Weg zur Arbeit in überfüllten U-Bahnen oder in den morgendlichen Staus auf den Straßen und man kann – sofern keine Videokonferenzen anstehen – auch im Jogginganzug oder im Pyjama vor dem Notebook hocken. Andererseits fällt der morgendliche Tratsch in der Kaffeeküche weg, wo wahlweise über die gerade nicht anwesenden Kolleginnen oder Kollegen gelästert oder über den Chef gematschkert werden kann. Telefonisch ist man mit derlei heutzutage ja eher vorsichtig.

Kein Vorteil ohne Nachteil und so muss eben die fehlende Kommunikation – wie soll ich das jetzt sagen? – irgendwie durch Ersatzhandlungen ausgeglichen werden und was liegt da näher als in der Einsamkeit des Homeoffice schon einmal unter den Schreibtisch zu greifen.

Da es die Höflichkeit gebietet nichts ohne Beleg zu behaupten um keine Gerüchte und Unterstellungen zu verbreiten, hat die britische Plattform »Chemist4u« eine Umfrage zu diesem Thema gestartet. Es befragte zweitausend Engländerinnen und Engländer, wie sie es damit hielten und wie sie sich die Zeit zwischen Telefonaten, Videokonferenzen und Mail Beantwortungen zu Hause so vertrieben.

Das wenig überraschende Ergebnis war, dass 22% der – wohlgemerkt: britischen! – Männer und 7% der Frauen zur Entspannung vom beruflichen Stress zur Handarbeit an und für sich greifen (zur Klarstellung: ich rede nicht vom Pullover stricken oder Zierdeckchen häkeln). Interessant ist auch, je höheren Einkommensstufen sie angehören, desto höher wird diese Quote, was sicherlich nur dem höheren Stressfaktor in den oberen, besser bezahlten, Hierarchieebenen geschuldet ist.

Um unternehmerisch-gewerkschaftlich ausgeglichen zu agieren möchte ich meinen geschätzten FederLeserinnen und -Lesern abschließend noch zwei Tipps von Chemist4u mitgeben. Sollten Sie Arbeitgeber sein und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Homeoffice geschickt haben, so gebe ich zu bedenken, dass laut der genannten Studie ungefähr 2,4-mal pro Woche zu je 37 Minuten zu besagter Handarbeit gegriffen wird. Macht nach Adam Riese etwa 6 Stunden im Monat die zwar bezahlt, in denen jedoch nichts – also, zumindest nichts Produktives – geleistet wird.

Den im Homeoffice Sitzenden wird hingegen der Rat gegeben je nach Tätigkeit bei der Besichtigung die Handarbeit unterstützender Videos einen anderen Browser zu verwenden, sodass es nicht zu unliebsamen Vermischungen der beiden Tätigkeiten kommen kann. Andernfalls dreht sich bei Rückkehr ins Büro der nächste Tratsch in der Kaffeeküche garantiert um Sie.

2022 11 07/Fritz Herzog