FederLesen

Der Zeigarnik-Effekt

Jahreswechsel, wie der uns dieser Tage heimsuchende, eignen sich vorzüglich für Vor- und noch viel mehr für Rückblicke jedweder Art. An dieser Stelle brauchen Sie als FederLeserinnen und -Leser keine Sorge zu haben, dass ich Ihnen einen federLeserischen Jahresrückblick zumute. Das geht mit ein bissl runterscrollen, so sie Lust&Laune dazu haben, viel einfacher. Rückblicke seien, wie schon mein alter Uniprofessor sagte, »sinnlose Heckwasserbetrachtung«. Was hinten am Heck des Schiffs als Schaumkronen raussprudelt, meinte er in seiner leicht nasalen norddeutschen Sprachfärbung, sei zwar wunderschön anzusehen, aber zu nichts nutze. Nach vorne müssen Kapitän und Steuermann blicken. No-Na! Wenigstens das habe ich mir von seinen Vorlesungen gemerkt. Nicht lachen – es ist schließlich mehr als vierzig Jahre her! [Bei der Gelegenheit, alles Gute zum heuer anstehenden 90.Geburtstag Herr Prof. Eschenbach – ad multos annos!]

Nein, mein heutiger Rückblick widmet sich einem ganz speziellen Thema: Welche Vorhaben, welche Pläne, die Sie und ich zu Beginn des vergangenen Jahres hatten, blieben (wieder?) unerledigt. Womit ich schon beim sogenannten Zeigarnik-Effekt wäre. Benannt ist dieser nach der sowjetischen Psychologin litauisch-jüdischer Herkunft Bljuma Wulfowna Zeigarnik (1901 – 1988), die in den 20er-Jahren des 20.Jahrhunderts an der Universität Berlin ihre Studien machte.

Dabei fand sie heraus, dass der Mensch die unerledigten Dinge weitaus eher im Gedächtnis behalte, als die erledigten; genau das beschreibt der nach ihr benannte Zeigarnik-Effekt. Das Vergessen des Erledigten könnte man mit dem Sprichwort »Aus den Augen, aus dem Sinn« sehr gut beschreiben. Aber die Unerledigten? Nur wegen etwas Unerledigtem ein schlechtes Gewissen zu haben, das muss doch wirklich nicht sein. Oder?

Ich bin mir, ehrlich gesagt auch nicht ganz sicher, ob sich Frau Zeigarnik nicht doch geirrt hat und ob der Zeigarnik-Effekt tatsächlich auf mich zutrifft. Ich vergesse erledigte wie unerledigte Dinge für mein Leben gleichermaßen gern. Die erledigten Dinge zu vergessen macht ja nix – die sind eh erledigt. Und für die unerledigten Dinge habe ich ja meine Liebste, die mich mit ihrer liebevollen Hartnäckigkeit an das Unerledigtsein des von mir (doch endlich!) zu Erledigenden zu erinnern pflegt.

Ich will Sie, meine lieben FederLeserinnen und -Leser jetzt zu Jahresbeginn nicht mit einer Gewissenserforschung des Unerledigten quälen. Ich habe dafür ein ganz probates Mittel für mich entdeckt, welches ich an dieser Stelle gerne mit Ihnen teile: »Je weniger ich mir vornehme, desto weniger habe ich hinterher die Möglichkeit es zu vergessen«. Von der unangenehmen Begleiterscheinung des schlechten Gewissens ganz zu schweigen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein vergessliches 2021. Vergessen wir ganz rasch 2020 – viel wird man sich von dem Jahr ohnehin nicht merken müssen. G’sund bleiben, das sollten wir uns vornehmen zu erledigen – möge Ihnen und mir die Übung 2021 gelingen!

2021 01 01/Fritz Herzog

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