FederLesen

Stefan Kutzenberger: »Die Liste der Lebenden«

Es war der 13. September 1858, als das Dampfschiff Austria auf seinem Weg von Hamburg nach New York mit zahlreichen Auswanderern an Bord im Nordatlantik unterwegs war. Während einer Desinfektion mit heißem Teer in einem unteren Deck brach Feuer aus, das sich rasch über das ganze Schiff ausbreitete. Das Schiff war nicht zu retten und sank. 456 Passagiere und Besatzungsmitglieder fanden den Tod, nur 89 konnten gerettet werden. Der Untergang der Austria gilt als eine der größten Schiffskatastrophen des 19. Jahrhunderts.

Allein daraus einen Roman zu machen, wäre noch nicht genug, wäre nicht die Dänin Henriette Wulff mit an Bord, und in der Folge auch unter den toten Passagieren, gewesen. Henriette Wulff, aus einer angesehenen Familie Dänemarks stammend, zuhause in den feinsten Salons Kopenhagens, wollte im Alter von 53 Jahren dem spießigen Klima Kopenhagens entkommen und nach Amerika auswandern, wo wenige Jahre davor ihr Bruder verstorben ist.

Auch das allein wäre noch keinen Roman wert, den FederLesen empfehlen könnte, wäre jenes Fräulein Wulff nicht seit Jahren in regem brieflichem und persönlichem Kontakt mit den Autor Hans Christian Andersen gestanden, der vor allem durch seine Märchen bekannt ist. An diesem Punkt setzt der österreichische Autor Stefan Kutzenberger seinen Roman »Die Liste der Lebenden« an, indem er den Briefwechsel der beiden während und nach der Schiffskatastrophe fortsetzt.

Einerseits ist da Andersen, der, so scheint es, ein Sexualneurotiker allererster Güte war; so fürchtete er zeitlebens, dass er durch Geschlechtsverkehr mit einer Frau seine schriftstellerische Kreativität verlieren würde. Und andererseits ist da Henriette Wulff, platonisch verliebt in Hans Christian Andersen.

In den wenigen Tagen am Schiff freundet sich Henriette mit der quirligen Wienerin Hansi Stirba an. Die Lebenslust dieser Hansi und die bigotte Prüderie Henriettes treffen aufeinander und sie werden Freundinnen. Und auch der Kapitän des Schiffes verliebt sich in Henriette und besucht sie jede Nacht in ihrer Kabine. Die letzten Tage ihres Lebens führen durch ihre Freundschaft mit Hansi und ihre Beziehung zum Kapitän zu einer Änderung ihres Lebens.

Als das Feuer am Schiff um sich greift, entledigt sich Henriette Wulff ihrer Kleider, um besser schwimmen zu können und springt ins Meer. Auf einer Tür kann sie sich vorübergehend retten. Von dieser Tür aus schreibt sie, nackt wie sie ist, Andersen – so die Fiktion des Autors – weiter Briefe.

Andersen sitzt in Kopenhagen, wartet sehnsüchtig auf Nachricht seiner Geliebten und schreibt ihr ebenfalls weiter Briefe. Zuerst wartet er auf Nachricht einer guten Ankunft in New York, dann hört er vom Unglück, zunächst hoffend, dass sie auf der »Liste der Lebenden« ist, doch nach und nach wird es auch ihm zur Gewissheit, dass sie nicht überlebt hat.

Was macht das Buch nun so besonders, dass ich es hier meinen geschätzten FederLeserinnen und -Leser zur Lektüre empfehle? Es ist die berührende Geschichte zweier Menschen, gefangen in der Prüderie der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts und ihren eigenen Sexualneurosen. Ob es ein Gesellschaftsroman, ein historischer Roman, ein Liebesroman, ein Briefroman ist, will ich an dieser Stelle nicht beantworten; von allem etwas, trifft es am ehesten. Jedenfalls ist es ein Thema, das auch im 21. Jahrhundert wieder an Bedeutung gewinnt. Kutzenberger ist mit diesem Roman eine wunderbare Verknüpfung all dessen gelungen und deshalb gebe ich nach längerer Pause wieder einmal eine Buchempfehlung auf FederLesen ab.

2026 08 05/Fritz Herzog

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