FederLesen

Jonathan Coe – Middle England

Geht es Ihnen, geschätzte FederLeserin, geschätzter FederLeser auch so wir mir, wenn wir an England denken, fällt uns London ein und vielleicht noch Rosamunde Pilchers Cornwall? Aber mehr? Oben im Norden Großbritanniens beginnt erst wieder mit Schottland unsere Wahrnehmung der britischen Insel. Also zumindest mir geht es so ähnlich. Manchester und Liverpool sind sicher noch den Fußballfans ein Begriff. Aber Birmingham?

Jonathan Coe bringt uns mit seinem Brexit-Roman »Middle England« (keine Angst, das Buch ist trotz des englischen Titels in deutscher Übersetzung) genau dorthin – in die Mitte Englands, unter anderem nach Birmingham. Der Begriff »Middle England« ist in diesem Buch aber nicht nur geografisch zu sehen.

Die Handlung des Romans spielt in der Zeit von 2010 bis 2018. Der Schriftsteller Benjamin Trotter übersiedelt in eine alte Mühle am Fluss Severn in der Grafschaft Shropshire um endlich seinen Roman, der mittlerweile 5000 Seiten umfasst, fertig zu stellen. Nachdem er auf Anraten seines Lektors diesen auf 200 Seiten kürzt, gewinnt er damit den Booker-Preis.

Sein Freund Doug, ein versnobter Journalist, lebt im noblen Chelsea und hat eine Affäre mit einer Labor-Abgeordneten. Bens Nichte, eine Kunsthistorikerin, hat genug von der Wissenschaft und heiratet einen Fahrlehrer, dessen Mutter wiederum der Inbegriff sämtlicher Ressentiments gegenüber allen Ausländern und der Europäischen Union ist. Anhand dieser und einer Reihe weiterer Personen führt uns Jonathan Coe so in die Mitte der englischen Gesellschaft. Von der Hochstimmung im Land anlässlich der Olympischen Spiele 2010 in London über die Rassenunruhen des Jahres 2011, dem unglücklichen Referendum über den Brexit 2016 und den politischen Wirren Großbritanniens danach zeichnet der Autor ein Sittenbild der gesamten englischen Gesellschaft.

Coe beschreibt aus meiner Sicht in diesem Roman sehr gelungen die verschiedenen Charaktere mit ihren verschiedenen politischen Ansichten und persönlichen Ausrichtungen, die wiederum die verschiedenen Gesellschaftsschichten Englands repräsentieren. Das alles geschieht aber nicht nur kritisch, sondern liebevoll und gespickt mit sehr viel englischem Humor.

Meine Empfehlung, wer auf unterhaltsame Weise verstehen will, wie es zum Brexit kommen konnte (ehrlich, wir Kontinentaleuropäer verstehen es doch bis heute nicht wirklich), ohne trockene Fachliteratur zum Thema studieren zu wollen, ist mit diesem Buch bestens bedient. Aber auch der politisch weniger interessierte Leser kann das Buch als humoristischen Gesellschaftsroman lesen.

»Middle England« ist übrigens das dritte Buch Jonathan Coes mit Benjamin Trotter als Hauptfigur. Ich werde deshalb auch die beiden Vorgänger »Erste Riten« und »Klassentreffen« auf meine Leseliste setzen. Dazu vielleicht irgendwann mehr auf FederLesen.

2020 08 18/Fritz Herzog

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