FederLesen

Isabel Allende: Dieser weite Weg

Obwohl der jüngste Roman Isabel Allendes bei den professionellen Kritikern nicht sehr gut angekommen ist, möchte ich ihn doch in die Liste meiner Buchempfehlungen aufnehmen. Ja, vielleicht wollte Allende zu viel in die Geschichte hineinpacken: Franco und den spanischen Bürgerkrieg sowie eine Liebesgeschichte; eine Hommage an Pablo Neruda und die viel zu wenig gewürdigte Elisabeth Eidenbenz; Salvador Allende und die Pinochet Diktatur Chiles. Und zuletzt noch eine kleine Portion Kitsch. Ja und? Mich störte das nicht – im Gegenteil.

Victor Dalmau studiert Medizin in Barcelona als der spanische Bürgerkrieg ausbricht und arbeitet schon wie ein fertig ausgebildeter Arzt in diversen Lazaretten. Sein Bruder wird von den francistischen Soldaten getötet. Als der Bürgerkrieg für die Republikaner verloren geht, flüchtet Victor mit Roser, der schwangeren Verlobten seines gefallenen Bruders nach Frankreich. Dort werden sie zunächst getrennt und Roser bringt in einem Haus der Elisabeth Eidenbenz einen Sohn zur Welt.

Als Victor erfährt, dass Pablo Neruda ein Flüchtlingsschiff, die Winnipeg, nach Chile gechartert hat, versucht er gemeinsam mit Roser einen Platz auf diesem Schiff zu erlangen. Voraussetzung ist, dass sie heiraten. Sie heiraten ohne sich zu lieben und leben zusammen ohne sich jedoch einander zu nähern.

Victor kann in Chile sein Medizinstudium vollenden und wird ein anerkannter Chirurg. Roser hingegen beginnt eine Karriere als Pianistin. Da eine Scheidung in Chile nicht möglich ist, leben sie nebeneinander mit jeweils eigenen Beziehungen. Trotz all dieser Widrigkeiten kommen sie sich langsam näher. Nach dem Sturz Salvador Allendes 1973 und dem Beginn der Pinochet Diktatur wird Victor verhaftet, gefoltert und kommt in eines der grausamen faschistischen Gefängnisse in der Wüste Nordchiles.

Durch Vermittlung eines Freundes kommt er nach einem Jahr frei, muss aber mit Roser nach Venezuela ins Exil. Im Exil Venezuelas kommen er und Roser sich endlich näher und sie entdecken ihre große Liebe zueinander. Nach dem Ende der Diktatur in Chile, beide sind mittlerweile hochbetagt, können sie nach Chile zurück. Roser erkrankt und stirbt und Victor bleibt verbittert und vereinsamt zurück. Rosers Sohn lebt in den USA und besucht seinen Ziehvater nur gelegentlich. Zuletzt – da wird die Geschichte vielleicht ein wenig kitschig – taucht eine mittlerweile erwachsene Tochter Victors auf, von der er gar nichts wusste; sie stammt aus seiner kurzzeitigen Beziehung mit einer Tochter aus einem feinen chilenischen Haus, die nach ihrer Geburt der Mutter weggenommen und zur Adoption freigegeben wurde.

Zusammengefasst ist Allendes »Dieser weite Weg« von Spanien nach Chile ein einziges Werk wider den Faschismus. Es ist aber ebenso ein grausames wie auch liebevolles Gesellschaftsbild Chiles. Es beschreibt die Zerrissenheit der chilenischen Gesellschaft zwischen der chilenischen Oberschicht, getragen von den faschistischen Schergen genauso wie von der katholischen Kirche einerseits und der Mehrheit der verarmten und unter der Unterdrückung leidenden Bevölkerung andererseits. Es ist aber auch ein Buch mit zahlreichen – zumindest mir bislang unbekannten – historischen Fakten wie der Geschichte des Schiffes »Winnipeg« des späteren Literaturnobelpreisträgers Pablo Neruda, der Hilfsorganisationen der Schweizerin Elisabeth Eidenbenz oder der Ermordung des chilenischen Sängers Víctor Jara während des Umsturzes 1973.

Für all das darf es – und da gehe ich mit den Literaturkritikern nicht konform – zuletzt eben auch ein wenig kitschig sein.

2021 02 12/Fritz Herzog

Erstelle deine Website mit WordPress.com
Jetzt starten