FederLesen

Germ ist das neue Klopapier

Wenn jemand behauptet in Zeiten wie diesen verlangsame sich unser Leben und es kehre vom digitalen in ein analoges zurück, so liegt er bei zweiterem richtig, bei ersterem jedoch völlig daneben. So weit meine These, die ich nun auch genauer belegen möchte.

Unser Leben verlangsamt sich keineswegs. Gerade noch war Klopapier die absolute Mangelware und es durfte sich glücklich schätzen, wer solches beim Nahkampf zwischen den Supermarktregalen erobern konnte. Wer dort das Nachsehen hatte, musste zum Bäcker oder in eine U-Bahn-Station eilen und versuchen dort eine der Gratiszeitungen zu ergattern. Damit hätten diese zwar endlich einen Zweck erfüllt, jedoch, so habe ich mir glaubhaft berichten lassen, hinkt deren Papierqualität einem vierlagigen Superflausch mit – wahlweise – Kamillen- oder Lavendelduft doch meilenweit hinterher.

In unserer schnelllebigen Zeit war dieser Mangel rasch vorbei. Ruckzuck ging das! Die Regale mit den Toilettenartikeln sind längst wieder prall gefüllt, von den Stapeln zu Hause ganz zu schweigen. Man müsste bei den Papierfabriken recherchieren für wie lange Zeit die jetzt ihre Produktion herunterfahren können, da in den nächsten Wochen und Monaten, bis die häuslichen Vorräte einigermaßen aufgebraucht sein werden, kaum Nachfrage herrschen wird. Ganz anders, und jetzt komme ich endlich dazu die Schnelllebigkeit der Mangelgüter zu erklären, die Germ. Kaum versahen wir uns, mangelt es an Germ. So schnell kann das gehen. Die Germ, anderorts Hefe genannt, ist das neue Klopapier. Den Zweck der Germ, kann ich nur mangelhaft erklären. Irgendwie braucht man das Zeug zum Backen: Kuchen, Brot, Pizza, usw. Sie gehört also im weitesten Sinne zu den Lebensmitteln und erfüllt damit im Verhältnis zum Klopapier einen – wie soll ich sagen? – völlig konträren Zweck in unserem Leben.

Marketingmäßig hat dieser Mangel für die Supermärkte allerdings den Vorteil, dass er, im Gegensatz zum Klopapier keine großflächig leeren Regale hinterlässt, die ja wirklich kein schöner Anblick sind. Für die Panikmacher und Misanthropen unter uns hingegen, gibt das Foto eines leeren Toilettepapierregals im Internet weitaus mehr her, als das eines Regals ohne Germ, welches sich von der Regalbetreuung leicht kaschieren lässt. Wir sehen also, dass die Minimalisierung und damit verbunden die Effektivität und Effizienz des Mangels auch in diesen Zeiten raschen Schrittes vorankommt.

Nach diesen hoffentlich erhellenden Ausführungen komme ich nochmals auf meine zu Beginn erwähnten Behauptungen zurück. Dass die These der Schnelllebigkeit erfüllt ist, hat sich ja in der blitzartigen Umstellung vom Klopapier- auf den Germmangel gezeigt. Doch die Digitalisierung muss in diesem Fall noch etwas zurückstehen, denn, was gibt es schon Analogeres als Klopapier oder Germ?

Was als nächstes kommt? Hier in diesem Blog oder als Mangelware? Lassen wir uns überraschen!

2020 03 25/Fritz Herzog

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