FederLesen

Christian Klinger

Die Liebenden von der Piazza Oberdan

Keine Sorge, bei der heutigen vorweihnachtlichen Buchempfehlung Ihres FederLesers handelt es sich um kein schmalziges Liebesepos, auch wenn es der Titel vielleicht insinuiert. Nein, im Gegenteil. Ich muss allerdings gestehen, dass ich als Liebhaber der Stadt Triest befangen bin; wer je auf der Piazza dell’ Unità mit Blick aufs Meer einen Cappuccino getrunken oder von oben vom Karst unter zirpenden Zikaden und womöglich mit einem Glas Vitovska in der Hand auf die Bucht geblickt hat, wird mich wahrscheinlich verstehen.

Der Triestiner Vittorio Robusti kämpft an der Seite Italiens im 1. Weltkrieg gegen die Österreicher. Schwer verwundet überlebt er einen Sturmangriff nur dank der Hilfe eines Freundes. Wegen der schweren Verletzung muss er nicht mehr in den Krieg und studiert Jura in Padua. Zurück in Triest beginnt er nach dem Krieg als Rechtsanwalt zu arbeiten. Er heiratet und 1923 kommt der Sohn Pino zur Welt, der als wohlbehütetes Kind im Triest der Zwischenkriegszeit aufwächst. Mit dem Aufkommen des Faschismus unter Mussolini kommt Vittorio mit dem Regime immer mehr in Konflikt, da er verfolgten Juden und Slowenen Unterschlupf gewährt und zur Flucht verhilft.

Pino beginnt gegen den Willen seines Vaters Architektur zu studieren und verliebt sich in die junge Lehrerin Laura. Die Besetzung Italiens durch deutsche Truppen ab 1943 verschärft die Konflikte in und um Triest; die SS und die faschistischen Italiener auf der einen und linksgerichtete Italiener und slowenische Partisanen auf der anderen Seite beherrschen diese Zeit. Obwohl Pino sich von allen politischen Aktionen fernhält, gerät er über Studienkollegen in den Partisanenkampf im Karst oberhalb von Triest.

Mit seiner großen Liebe Laura trifft er sich heimlich auf der Piazza Oberdan, wo sich auch das Hauptquartier der SS befindet. Als Laura einmal etwas zu spät zum Rendezvous kommt und Pino dort wartet, wird er von der SS der Spionage verdächtigt und verhaftet. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

»Die Liebenden von der Piazza Oberdan« ist eine Familiensaga zur Zeit des Mussolini Regimes in Italien. Die Grausamkeit dieser Zeit und die tragische Rolle, die die Stadt Triest in dieser Zeit gespielt hat, sind der historische Hintergrund dieses Romans: Österreich-Ungarn, Italien und Jugoslawien, am Schnittpunkt dieser drei Staaten entlang verläuft auch die Handlung dieses Romans.

Christian Klinger, bislang als Krimiautor bekannt, hat sich mit diesem Werk erstmals an einen historischen Roman herangewagt. Er verwebt dabei die wahre Geschichte des Pino Robusti und seiner Familie mit romanhaften Veränderungen, die dem Buch erst den richtigen Spannungsbogen verleihen.

Zur Kritik möchte ich anmerken, dass die einzelnen Kapitel des Buches, zwar datiert, jedoch nicht chronologisch in der Zeitenabfolge verfasst sind. So kann es sein, dass ein Kapitel 1944 spielt und das nächste 1929. Das sorgt ein wenig für Verwirrung, aber gleichzeitig auch für die nötige Spannung. Und, ohne jetzt wirklich allzu viel vom Ausgang der Geschichte zu verraten, der Schluss des Romans erscheint mir ein wenig gar zu heldenhaft verklärt.

Trotzdem ein lesenswertes spannendes Buch, das viel über die Geschichte von Triest des 20. Jahrhunderts erzählt. Und natürlich nährt es auch den Gusto in mir endlich wieder nach Triest fahren zu können und mit meiner Liebsten auf der Piazza dell’ Unità einen Cappuccino …, und, ja, eh schon wissen…!

Keep on reading!

2020 12 19/Fritz Herzog

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