FederLesen

2x Südtirol/Alto Adige

Francesca Melandri: Eva schläft – Marco Balzano: Ich bleibe hier

Nach einer längeren Pause stelle ich heute auf FederLesen zwei Bücher vor, die ich jüngst gelesen habe und die ich meinen geschätzten Leserinnen und Lesern präsentieren möchte. Die längere Pause hat sich nicht ergeben, weil ich nicht gelesen hätte, aber es war eben kein Buch dabei, das mich in die Tastatur hätte greifen und es Ihnen ans Herz legen lassen.

Gemeinsam haben die beiden Bücher, die ich heute vorstelle, dass sie von Italienern, genauer gesagt einer Italienerin aus Rom und einem Italiener aus Mailand verfasst wurden. Beide Romane spielen vor dem Hintergrund der Geschichte von Südtirol/Alto Adige der vergangenen hundert Jahre.

Francesca Melandri – Eva schläft

Die Ich-Erzählerin Eva erhält überraschend den Anruf eines Mannes, der in ihrer Kindheit die Rolle als Beinahe-Ziehvater gespielt hatte und der jetzt, im Sterben liegend, sie noch einmal sehen möchte. Auf der Zugfahrt quer durch Italien von Südtirol in den Süden begibt sich Eva auf eine Reise in die Geschichte Südtirols. Von der Zeit des italienischen Faschismus, der die Deutsch-Südtiroler vor die Alternative (Option) stellte, entweder in das damalige Deutsche Reich auszuwandern oder nach Süditalien deportiert und zwangsitalienisiert zu werden, bis zu den Bombenattentaten der sogenannten »Südtirol-Bumser«, der berühmten Rede des Landeshauptmanns Silvio Magnago auf Burg Sigmundskron und letztendlich dem Autonomiepaket spannt sich der Bogen dieses Romans.

Melandri, die sich auch in ihrem Buch »Alle außer mir« sehr hart mit der italienischen Geschichte des Faschismus auseinandergesetzt hat, greift hier zum literarischen Trick abwechselnd beide Seiten, die deutsche wie die italienische, kritisch zu betrachten. Welche gerade gemeint ist erkennt man leicht daran, dass sie entweder »Südtirol« oder »Alto Adige« schreibt. Ein wenig sehe ich dieses Buch auch als eine Hommage an Silvio Magnago, der mit großer Zähigkeit für den Frieden und die Versöhnung zwischen Südtirol und der italienischen Staatsregierung gekämpft hat.

Aufbauend auf historischem Hintergrund, von dem wir Österreicher meist nur die eine Seite kennen, wird in Form eines Romans die traurige Geschichte Südtirols in verschiedenen, sehr gut ineinander verwobenen Handlungssträngen erzählt.

Marco Balzano – Ich bleibe hier

Trina, eine Bäuerin und Lehrerin lebt mit ihrem Mann Erich in Graun am Reschensee im Etschtal. In der Zeit des Faschismus, optierte sie, worauf der Titel des Buches bereits hinweist, »hier zu bleiben« und nicht ins Deutsche Reich umzusiedeln. Ihr Sohn wird Nationalsozialist und ihre Tochter verlässt früh die Familie und zieht, ohne weiteren Kontakt mit ihren Eltern zu pflegen nach Nordtirol. In Form eines fiktiven Briefes an diese verschollene Tochter erzählt Trina ihre Lebensgeschichte.

Als ihr Mann verletzt aus dem Krieg zurückkommt, beschließen sie nach seiner Ausheilung zu desertieren und sich in den Bergen an der nahen schweizer Grenze zu verstecken. Verfolgt von den Nazis überleben sie auf einem Bauernhof und einem Heuschober in den Bergen unter allergrößter Not und in ständiger Gefahr.

Doch auch nach Ende des Krieges kommt Trina nicht zur Ruhe. Es beginnt ein verzweifelter Kampf gegen die Errichtung des Stausees am Reschen. Wieder möchte Trina »hier bleiben«, doch sie verliert den Kampf, der Stausee wird errichtet und das Dorf Graun versinkt in den Fluten des Sees.

Heute zeugt nur mehr der aus dem See ragende Kirchturm von Graun, zu einer Touristenattraktion verkommen, vom grausamen Schicksal dieses Dorfes im Etschtal.

Auch in diesem Buch wird vor dem Hintergrund historischer Ereignisse die Geschichte einer fiktiven Familie aus Graun und deren Schicksal erzählt. Einzig historisch belegte Figur des Romans ist der Pfarrer von Graun, Alfred Rieper, der sich unermüdlich für die Bevölkerung des Tals einsetzte. Sehe ich Melandris Buch als eine Hommage an Magnago, so ist Balzanos »Ich bleibe hier« sicher auch eine Hommage an diesen Pfarrer Alfred.

Zusammenfassend, es sind zwei spannende, leicht lesbare, aber anspruchsvolle Bücher vor dem historischem Hintergrund Südtirols/Alto Adiges. Eine Geschichte, von der, zumindest ich, bislang nur sehr wenig wusste.

2020 07 31/Fritz Herzog

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