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FederLesen

Wer ist Jakob Maria Mierscheid?

Wieder einmal sind unsere Lieblingsnachbarn, die Deutschen, den Österreichern einen Schritt voraus. Dies sogar im Deutschen Bundestag, dem Pendant zum österreichischen Parlament. Nein, keine Sorge, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser, ich bleibe auch weiterhin dabei, dass FederLesen ein völlig unpolitischer Blog ist.

Wahrscheinlich haben Sie sich schon nach der heutigen Überschrift gefragt wer – zum Kuckuck – dieser Herr Jakob Maria Mierscheid denn sei. Nun, geboren am 1. März 1933 in Moorbach im Hunsrück, einem Ort im Bundesland Rheinland-Pfalz. Verwitwet, vier Kinder, Schneidermeister, so steht es zumindest in seinem Lebenslauf, den die Bundestagsfraktion der SPD auf ihrer Website veröffentlicht. Nebenher ist er Mitglied des Kleintierzüchtervereins Morbach und hat eine vierteilige Abhandlung über „Die Reiseroute der geringelten Haubentaube und ihre Flugeigenschaften“ verfasst. Wie es scheint, trotz seines Alters ein vielbeschäftigter Mann.

All das wäre an sich noch nicht weiter berichtenswert, handelte es sich doch mehr oder minder um den Lebenslauf eines ganz normalen Hinterbänklers wie es sie in jedem Abgeordnetenhaus der Welt gibt.

Aber, und das ist das Einmalige an diesem Herrn, er zeichnet sich durch mehrere Besonderheiten aus. Die eine habe ich schon erwähnt, er ist Jahrgang 1933, kann also nicht mehr den Anspruch erheben ein Nachwuchspolitiker zu sein. Immerhin ist er auch seit 1979 ein sogenannter MdB, wie sich die Mitglieder des deutschen Bundestages abgekürzt zu nennen pflegen. Er sitzt damit dort auch schon ein paar Jährchen und dürfte in diesem Zeitraum eine Menge Wahlen überstanden und eine erkleckliche Anzahl von Regierungen kommen und gehen gesehen haben.

Das einzige Problem mit ihm ist, dass, obwohl er seit über 40 Jahren ein MdB ist, ihn dort niemand kennt oder je persönlich gesehen hat. Zu seinem 80. Geburtstag gratulierte ihm zwar der Vorsitzende, jedoch in Abwesenheit. Ebenso dann, wenn er nach Neuwahlen als Alterspräsident die konstituierende Sitzung des Bundestages leiten sollte; auch da muss ihn regelmäßig der oder die zweitälteste vertreten.

Man sollte aber trotz seiner ewigen Abwesenheit nicht sagen, er hätte nichts für das Vorankommen der bundesdeutschen Politik geleistet. Besonders bekannt wurde er durch das nach ihm benannte »Mierscheid-Gesetz« und dem Nachweis des sogenannten »Mierscheid-Zyklus‘«. Ersteres stellt in jedem Wahljahr einen Zusammenhang zwischen der deutschen Rohstahlproduktion in Tonnen und dem Wahlergebnis seiner Partei, der SPD, her. 2002, zum Beispiel, standen 38,6Mio Tonnen Rohstahl 38,5% Stimmenanteil der SPD bei der Bundestagswahl gegenüber – na, wenn das kein Beweis ist!

Der »Mierscheid-Zyklus« wiederum besagt, dass sich in einem Zyklus von 16 – 17 Jahren die SPD abwechselnd in der Regierung und der Opposition befindet. Mit der Wahl 2016 hat sich das aber nicht mehr bestätigt – wahrscheinlich wird der gute Herr Mierscheid halt auch schon ein bissl alt.

Sicher haben Sie es eh schon erraten, der Jakob Maria Mierscheid ist ein fiktiver, nicht existierender Abgeordneter, der aber – und da soll niemand sagen »die Piefkes« hätten keinen Humor – bis vor wenigen Jahren sogar auf der Website des Bundestages als Abgeordneter aufgeschienen ist. In seiner Selbstbeschreibung war dort (lt. Wikipedia) zu lesen: »Ich bin weder eine Erfindung, noch ein Patent, ich bin die Lösung« und weiter »… gehöre ich zu den Säulen unseres Staatswesens«. Dem ist nichts hinzuzufügen!

Ob sich im österreichischen Parlament auch so ein fiktiver Mierscheid befindet? Wer weiß? Bei so manchem Hinterbänkler, wurscht welcher Partei, wäre ich mir da gar nicht so sicher, dass dem nicht auch so sei.

2022 06 11/Fritz Herzog