FederLesen

Janus, Fru-Fru und das Frugale

Ein durchschnittlicher Erwachsener hat einen Wortschatz zwischen 3.000 und 216.000 Wörtern, belehrt mich Professor Wikipedia. Nun, abgesehen davon, dass die dazwischenliegende Spanne nicht gerade als klein bezeichnet werden kann, erheben sich da schon einige Fragen. Zunächst einmal, wie zählt man das? Mit Stricherllisten, indem man jemand beim Reden zuhört, wird man wahrscheinlich nicht weit kommen. Oder liest man den Probandinnen und Probanden den Duden vor und sie antworten bei jedem Wort entweder »kenn ich« oder »kenn ich nicht«. Diese Methode mag zwar zielführend sein, als praktikabel wird sie sich nicht erweisen. Überhaupt, wenn man ein statistisch relevantes Sample von Personen befragen will.

Was den Umfang meines eigenen Wortschatzes betrifft habe ich keine Ahnung. Um auf der sicheren Seite zu liegen gehe ich davon aus, dass er wahrscheinlich zwischen den beiden oben genannten Größen liegt. Und ehrlich gesagt, die Zahl ist mir auch wurscht.

Aber ich erweitere ihn gerne um neue, bislang nie gehörte oder gelesene Worte. Dieses besondere Vergnügen der Wortschatzerweiterung hatte ich kürzlich beim Lesen diverser Tageszeitungen. Das schöne neue Wort, welches ich mit großer Freude meinem Wortschatz hinzugefügt habe heißt »frugal«. Ein Wort, das ich mit Sicherheit noch nie gehört, gesprochen oder gar geschrieben habe – inklusive all meiner Aufsätze seit der Volksschulzeit.

Ich gebe zu, dass ich es zunächst nicht ganz verstanden habe. »Frugal« klang für mich, obwohl ich es aus dem Zusammenhang des Textes als Adjektiv erkannt hatte, zunächst einmal sehr fruchtig. Es könnte sich also beispielsweise um ein neues Konkurrenzprodukt des seit meiner Kindheit beliebten Fru-Frus handeln. Vor meinem geistigen Auge sah ich schon den Werbespot einer Molkerei: »Frugal – das ultimative Milchmixgetränk mit frischen Früchten – schont ihren Magen und die Geldbörse« (sollte jemand auf die Idee kommen es wirklich umzusetzen, so beanspruche ich hiermit schon jetzt das Copyright auf diesen Markennamen und diesen Werbespruch!).

Aber irgendwie passte Milchshake nicht in den Zusammenhang, wie er in den Zeitungen zu lesen war. Die nächste Assoziation war, dass dieses meinem Wortschatz neu hinzugefügte Wort irgendetwas mit den Frutariern zu tun hat; dass sind jene Menschen, eine Untergruppe der Veganer, die sich ausschließlich von Früchten ernähren. Das würde schon besser zum Adjektiv passen. Der Satz »Ein Frutarier lebt frugal« ergäbe sogar einen Sinn. Sogar Steigerungen wären möglich, welcher Frutarier nur frugal, welcher frugaler und welcher denn am frugalsten lebe.

Doch auch diese Deutung des Wortes erwies sich als unrichtig. Es ist, und wiederum belehrt mich das Internet, ein Wort, welches das Gegenteil dessen meint, was es oberflächlich betrachtet ausdrückt. Ein sogenanntes Januswort, also eines mit zwei Gesichtern. Obwohl es einerseits so frisch-fruchtig klingt, dass man Gusto auf einen knackigen Apfel oder eine saftige Marille bekommt, so bedeutet es doch andererseits das genaue Gegenteil, nämlich die Bescheidenheit, das Genügsame. Mir scheint die Bezeichnung Januswort zwar auch nicht richtig, ist doch die zweigesichtige römische Gottheit Janus der Gott des »Sowohl-Als-Auch« und nicht der des »Entweder-Oder«. Aber sei’s drum!

Ich glaube jedenfalls ich streiche das Wort wieder aus meinem Wortschatz, denn bescheiden und genügsam, also frugal oder gar am frugalsten will ich nicht mehr werden und so gönne mir dafür jetzt ein Fru-Fru; Heidelbeere, falls es wer genau wissen will.

2020 07 24/Fritz Herzog

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