FederLesen

2x Hemingway und 1x beinahe

In der heutigen Buchempfehlung von FederLesen geht es, die Überschrift verrät es schon, um Ernest Hemingway. Über ihn und von ihm.

Hanns-Josef Ortheil: Der von den Löwen träumte

1948, Hemingway ist fast 50 Jahre alt und hat seit längerem kein Buch mehr veröffentlicht. In dieser Sinn- und Lebenskrise, frisch mit seiner dritten Ehefrau Mary verheiratet, kommt er nach Venedig. Er wohnt im luxuriösen Hotel Gritti, verkehrt in Harry‘s Bar und spricht über die Maßen dem Alkohol zu.

In Harry‘s Bar lernt er die erst achtzehnjährige Adriana Ivancich kennen und verliebt sich in sie. Er nimmt in Kauf, dass sein öffentliches Turteln mit dieser um vieles jüngeren Frau ihn der Lächerlichkeit der Venediger Society preisgibt. Doch aus dieser platonischen Liebensbeziehung heraus wird Adriana immer mehr zu seiner Muse und er findet wieder zurück zum Schreiben.

Er verlässt das noble Hotel Gritti, und zieht sich in eine im Winter leerstehende Wirtschaft auf der Laguneninsel Torcello zurück. Mary geht Schifahren nach Cortina und Adriana bleibt in Venedig zurück und er beginnt in der Einsamkeit mit seinem Roman »Über den Fluss und in die Wälder«. Dem ersten seit längerer Zeit.

So weit hält sich Ortheil in seinem Roman an die Lebensgeschichte Hemingways, seiner Ehe mit Mary und seiner Beziehung zu Adriana Ivancich, die ihn später sogar bis nach Kuba, wo er damals lebte, begleiten wird. Als zweiten Handlungsstrang – in diesem Fall fiktiv – erzählt der Roman die Geschichte von der Begegnung Hemingways mit dem Fischerjungen Paolo aus Burano. Gemeinsam fahren sie mehrmals mit Paolos Boot in die Lagune von Venedig zum Fischen und Enten jagen.

Ernest Hemingway: Über den Fluss und in die Wälder

Dieser Roman erzählt die Geschichte eines älteren amerikanischen Colonels, der sich in Venedig in die junge Contessa Renata verliebt. So weit so klar, es ist Hemingways eigene Geschichte mit Adriana Ivancich, die er hier verarbeitet. Mehr muss man von diesem Roman, der, wie soll ich es vorsichtig formulieren?, nicht gerade zu den großen Werken des Autors gehört und der schon bei seinem Erscheinen ziemlich verrissen wurde, nicht wissen. Leseempfehlung gebe ich diesfalls keine ab; er ist höchstens etwas für Hemingway Aficionados.

Ernest Hemingway: Der alte Mann und das Meer

Die Geschichte, die Ortheil in seinem Roman um den Fischerjungen Paolo konstruiert, will implizit andeuten, dass diese berühmte Novelle Hemingways ebenfalls im Venedig-Aufenthalt Hemingways ihren Ursprung hat. Zweifellos handelt es sich dabei um eine etwas weit hergeholte Assoziation Ortheils. So weit, wie es von der Lagune von Venedig bis nach Kuba ist. Sei‘s drum!

Eine wesentlich interessantere Erfahrung, machte Ihr FederLeser jedoch, nachdem er »Der alte Mann und das Meer« zuletzt als Jugendlicher und eben jetzt, angeregt durch das Ortheil Buch, neuerlich gelesen hat. Die Geschichte des verzweifelten alten Mannes über seinen Kampf mit und für den riesigen Fisch liest sich eben mit zwanzig Jahren gänzlich anders als vier oder fünf Jahrzehnte später. Schau-schau, alter FederLeser!!!

Sollte es jemand aus meiner geschätzten FederLeser-Schar ebenso gehen, dass er das Buch zuletzt vor zig Jahren (in der Schulzeit?) gelesen hat, dann empfehle ich, es aus dem Bücherregal hervorzukramen, abzustauben und neuerlich zu lesen. Mehr sage ich an dieser Stelle nicht – möge jeder (diesfalls nur die männliche Form, da ich es doch eher für ein Männerbuch halte) selbst seine Erfahrung damit machen.

Keep on reading!

2021 01 11/Fritz Herzog

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