FederLesen

Francesca Melandri: Alle, außer mir

Maaza Mengiste: Unter den Augen des Löwen

Nach dem kulinarischen Beginn meines Blogs mit dem letzten Beitrag, will ich heute mein zweites Versprechen, nämlich auch Buchempfehlungen abzugeben, einlösen. Gleich doppelt. Zwei Romane, die sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit der Geschichte Äthiopiens auseinandersetzen.

Francesca Melandri, die schon mit ihrem ersten Roman »Eva schläft« über die Problematik Südtirols/Alto Adige in den 60er Jahren bewiesen hat, dass sie sich als Italienerin sehr kritisch mit der jüngsten Geschichte ihres Landes auseinandersetzen kann, greift im Roman »Alle, außer mir« die unrühmliche Geschichte Italiens in Äthiopien während des Mussolini-Regimes auf. Die Geschichte endet jedoch nicht mit dem Ende des Faschismus, vielmehr beginnt sie im Heute. Bei Ilaria, der Proponentin des Romans, taucht eines Tages in Rom ein junger Äthiopier auf, der behauptet ihr Neffe zu sein, der Sohn ihres Halbbruders, den ihr Vater während des Äthiopienkrieges dort gezeugt hat. Ilaria beginnt der Frage nachzugehen, wer denn ihr Vater war und welche Rolle er in diesem Krieg seinerzeit gespielt hat. Die Thematik der Flüchtlingsbewegung aus Afrika nach Europa wird damit plötzlich brandaktuell. Ein spannender Roman, mit einem Teil europäisch-afrikanischer Geschichte von der ich bislang nur sehr wenig wusste. Hinzu kommt die Erkenntnis, dass die heutige Fluchtbewegung aus Afrika nach Europa sehr viel mit der Geschichte des Kolonialismus zu tun hat.

Ebenfalls mit der Geschichte Äthiopiens setzt sich Maaza Mengiste in ihrem Erstlingsroman »Unter den Augen des Löwen« auseinander. Mengiste ist in Äthiopien geboren, musste aber bereits als Kind mit ihrer Familie nach dem Sturz Kaiser Haile Sellasies durch ein kommunistisches Regime ins Ausland fliehen und lebt heute in den USA. Während einer Hungersnot wird der Kaiser gestürzt und ermordet. Hailu, ein Chirurg, will nur seiner Arbeit nachgehen, wird aber gegen seinen Willen in die Wirren der Revolution hineingezogen. Während das neue Regime auf das Grausamste wütet, schließt sich Hailus Sohn Dawit einer konterrevolutionären Gruppe an und geht in den Untergrund. Dessen Freund Mickey hingegen dient dem Regime. Hailu verliert seinen Job als Chirurg, als ihm ein Patient, der nach einer Folterung hoffnungslos schwer verletzt ist, verstirbt. Hailu wird verhaftet und grausamst gefoltert. Was geschieht mit den Menschen, die Unterdrückung und Folter ausgesetzt sind in einem Land, wo der Terror des Mordens alltäglich ist? Diese Frage zieht sich durch das gesamte Buch. Wer auch diesen Teil der Geschichte Äthiopiens, den der kommunistischen Militärdiktatur des Mengistu-Regimes (1974-1991), kennenlernen möchte, wird mit diesem spannenden Thriller bestens bedient. Ich muss jedoch warnen, der Roman ist nichts für schwache Nerven.

Empfehlen kann ich beide Bücher über ein Land, von dem wir Europäer wenig wissen, obwohl es doch angeblich die Wiege der Menschheit ist. Was dort geschehen ist, den Preis dafür müssen wir heute bezahlen. Dieser Verantwortung können und dem dürfen wir uns als Europäer meiner Meinung nach nicht entziehen.

Keep on reading!

Fritz Herzog/2020 02 01

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