FederLesen

Schau mal wer da meckert

Ihr FederLeser hat – zumindest gefühlt – mehr als sein halbes Berufsleben in diversen Sitzungen, Besprechungen, Kommissionen und derlei ähnlicher Seltsamkeiten verbracht und maßt sich deshalb eine Expertise auf diesem Gebiet an. Wo ich hingegen Null Erfahrung habe, ist die aktuelle Geschichte mit Homeoffice, Zoomereien und Videocalls. Ehrlich? Es fehlt mir nicht!

Und, da es in Besprechungen von alters her Brauch zu sein scheint, dass, je weniger jemand Ahnung von einem Thema hat, er umso ausführlicher darüber reden kann, so will ich mich mit meinem heutigen FederLesen Beitrag auf Letzteres, die digitalen Konferenzen, stürzen. Ich finde mich da, wie gesagt, in bester Gesellschaft.

Sind Besprechungen unter normalen Umständen oft genug langweilig und enervierend, so sind es wahrscheinlich die online abgehaltenen noch viel mehr. Das brachte Mrs. Dot McCarthy von der Cronkshaw Fold Farm in Lancashire, England auf die geniale Geschäftsidee ihre Ziegen gegen eine geringe Gebühr für fünf Minuten an Besprechungen online teilhaben zu lassen.

Man kann sogar wählen zwischen sieben verschiedenen Ziegen. Empfehlen würde ich die Ziege mit Namen Ozymandias, kurz Ozy. Er wird beschrieben als der König des Spotts und der Sultan der Selbstbestätigungen. Er glaubt nicht, dass er der Größte aller Ziegen ist – er weiß es! Er ist der Chef im Stall. Eher weniger empfehlenswert scheint mir hingegen die Ziege Sebastian, genannt »Sweet Sebastian«. Auf der Website der Farm wird er für seine samtig weichen Ohren gelobt (bitte jetzt keine falschen Assoziationen!).

Oder die Ziege Lola, deren Lächeln zwar lobend erwähnt wird, die aber wütend wird, sobald man sich einer anderen Ziege zuwendet. Mit Margaret hingegen ist ebenfalls nicht gut Karotten essen. Sie ist die ranghöchste Ziege im Stall, von einigen gefürchtet, von allen respektiert; wehe, jemand stellt sich gegen sie. Lisa hingegen ist eine fade Nocken, sie chillt am liebsten und macht gerne ein Nickerchen.

Nun? Da gibt es wirklich nichts zu meckern, das sind doch alles Charaktere, wie man sie in Besprechungen regelmäßig antreffen kann: Vom Zyniker bis zum Kuschelweichen, von der beleidigten Leberwurscht bis zum polternden Chef ist alles im Stall, respektive Büro, vorhanden. Irgendwer macht dazu immer ein Nickerchen. Und das Gemecker der Ziegen wird oft genug auch nicht weniger produktiv sein, als das, was manche Sitzungsteilnehmer in der Realität so von sich geben.

Lobend erwähnen muss ich bei dem Angebot von Mrs. McCarthy auch, dass sie mit fünf weiblichen und nur zwei männlichen Ziegen die gewünschte Frauenquote mehr als erfüllt. Das Herz jeder Capra-Feministin muss da doch höher schlagen! Nicht?

Womit ich zum Abschluss noch zu Herrn Yoshiro Mori komme. Herr Mori hat im zarten Alter von dreiundachtzig die Leitung des Organisationskomitees der Olympischen Sommerspiele in Tokio übernommen. Kürzlich musste er jedoch zurücktreten, da er behauptet hatte, dass Frauen in Besprechungen zu viel redeten und deshalb alles unnötig in die Länge ziehen würden. Wie man sieht, schützt auch die Lebenserfahrung von dreiundachtzig Lenzen nicht vor hanebüchenem Unsinn.

Ehrlich gesagt, ich weiß nicht wie in Japan Besprechungen ablaufen, ich denke aber so viel anders als in Europa wird es auch nicht sein. Womit ich, wie eingangs erwähnt, doch noch etwas von meiner langjährigen Sitzungserfahrung zum Besten geben muss: Das genaue Gegenteil ist meiner Erfahrung nach der Fall. Frauen fassen sich meist kurz. Es sind die Männer, die sich am liebsten selbst reden hören und wenn er dann endlich, nachdem es schon alle der Ziege Lisa nachgemacht haben und eingenickt sind, zu Ende kommt, findet sich sicher ein weiterer Mann, der mit anderen Worten, die man meist nicht mehr mit dem Begriff »Kunst der Rhetorik« im hellenistischen Sinn beschreiben kann, den gleichen Schmonzes noch einmal wiederkäut. Womit ich doch wieder bei den wiederkäuenden Ziegen angekommen bin.

2021 02 16/Fritz Herzog

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