FederLesen

Ab in die Südsee?

Wenn es, so wie dieser Tage hochnebelig herumwintert und sich tagelang keine Sonne zeigt, dann steigt in mir die Sehnsucht und ich sage – zwar mehr im Spaß, denn im Ernst – dass ich gerne auf die Fidschi-Inseln auswandern würde. Dorthin, wo immer die Sonne scheint und es stets angenehm warm ist. Von den Altmännerphantasien der dort herumlaufenden, nur mit einem knappen Baströckchen bekleideten jungen Insulanerinnen rede ich jetzt absichtlich nicht. Die gibt es wahrscheinlich heute ohnehin ebenso wenig wie bei uns die stets einsam-fröhlich jodelnden Sennerinnen auf unseren Almen, wo es bekanntlich »koa Sünd‘« gibt.

Paul Gauguin, der berühmte französische Maler des 19. Jahrhunderts, der angeblich im Streit und/oder im Suff das Ohrwaschel seines Freundes van Gogh abgeschnitten haben soll (es gilt die Unschuldsvermutung), den zog es auch in die Südsee. Während seines mehrjährigen Aufenthalts auf Tahiti entstanden einige seiner bekanntesten Werke. Die Sehnsucht nach einem Beinahe-Robinson-Leben im ewigen Frühling und Sommer ist also nicht neu.

1929 zog es den deutschen Arzt Friedrich Ritter mit seiner Lebensgefährtin Dore Strauch auf die unbewohnte Insel Floreana im Galapagos Archipel. Ritter wollte dort, angeleitet von einer seltsamen Mixtur der Philosophien Nietzsches und Lao-Tses, vermischt mit kruden germanischem Körperkult ein Leben als Aussteiger führen. Vorbeikommenden Schiffen gab er regelmäßig Briefe mit, die in Deutschland veröffentlicht wurden und die – für Ritter ungewollt – weitere Abenteurer auf die Insel lockten.

Zunächst kam eine Familie Wittmer auf die Insel. Wittmer war Sekretär des damaligen Kölner Bürgermeisters Konrad Adenauer und hoffte im milden Klima der Insel auf eine gesundheitliche Besserung des kranken Sohnes. Bald danach kam eine mysteriöse angebliche österreichische Baronin mit dem blumigen Namen Eloise Wagner de Bousquet und ihren beiden jugendlichen Liebhabern. Die Dame erwies sich bald als aggressive Hochstaplerin und brachte mit ihren Plänen von einem noblen Luxushotel den Frieden auf der Insel durcheinander. Es kam zu dauerndem Streit zwischen den drei Gruppen um das Wasser der einzigen Quelle der Insel und um gestohlene Lebensmittel.

Einer ihrer Liebhaber der Baronin flüchtete vor ihren Exzessen, zunächst zu den Wittmers und dann gänzlich von der Insel. Seine Leiche wurde später auf einer Nachbarinsel gefunden. Bald darauf verschwand auch die Baronin mit ihrem verbliebenen Liebhaber. Sie tauchten nie wieder in der Weltgeschichte auf, was vermuten lässt, dass sie im Streit mit Ritter oder Wittmer ermordet und mit ihren Leichen die Haie vor der Küste gefüttert wurden. Kurz danach starb auch der Vegetarier Ritter, angeblich an einer Fleischvergiftung. Die zuständige Polizei von Ecuador, zu dessen Hoheitsgebiet die Insel gehört, hatte kein besonderes Interesse an der Aufklärung und der von einem französischen Magazin entsandte Krimiautor Georges Simeon konnte den Fall ebenfalls nicht lösen. Krimis schreiben ist doch etwas anderes als Kriminalfälle lösen. Aber er schrieb dafür einen Roman über den Fall.

Die Lebensgefährtin von Ritter, wahrscheinlich die Hauptverdächtige, zumindest was den mysteriösen Tod ihres Mannes betrifft, kehrte nach Deutschland zurück und schrieb ebenfalls ein Buch über ihre Südseeerlebnisse.

Und die Moral von der Geschicht‘?: »So leiwaund is die Südsee nicht«. Drum bleibe ich lieber hier, in diesem Land, in dem es zwar winterlichen Hochnebel, dafür aber Frieden, nette Menschen, gutes Essen und Grünen Veltliner gibt (Aufzählung nicht vollständig und kann beliebig ergänzt werden).

Wie die Galapagos-Geschichte weiterging? Die Familie Wittmer blieb auf der Insel. Frau Wittmer starb dort hochbetagt im Jahr 2000 und ihre Nachfahren machten aus der Insel ein Urlaubsparadies und betreiben heute dort noch ein Hotel. Aber keine Sorge: Ihr FederLeser wird trotzdem nicht dorthin flüchten.

2021 01 05/Fritz Herzog

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