FederLesen

Wo bitte liegt Poyais?

Ehrlich, träumen wir nicht alle gelegentlich vom Schlaraffenland? Nicht unbedingt so wie im Märchen, wo die Brathendln durch die Lüfte fliegen, in den Bächen Wein fließt und die Steine aus Käse sind. Ganz so werden Sie selbstverständlich ebenso wenig träumen wie Ihr FederLesen-Autor; aber im übertragenen Sinn? Träumen wir nicht gelegentlich davon reich zu sein, uns alles leisten zu können, es im Überfluss zu haben und überhaupt nicht mehr hackeln zu müssen?

Anscheinend ist das ein alter Menschheitstraum, der da seit Jahrtausenden durch die Köpfe der Menschen geistert. Angefangen hat das schon seinerzeit im Garten Eden mit seinen paradiesischen Zuständen, doch das haben Adam und Eva bekanntlich verbockt. Etwas später gab dann der Liebe Gott dem Moses das Versprechen sein Volk in ein Land zu führen, in dem Milch und Honig fließe. Der gute Mann glaubte das und schleppte einzig aufgrund dieses Versprechens seine Leute vierzig Jahre in der Einöde herum. Leider erlebte er die Enttäuschung nicht, als das erreichte Land zwar fruchtbar war, aber von fließender Milch und ebensolchem Honig war dort keine Spur.

Vielleicht war das Milch-und-Honig-Versprechen vom Lieben Gott ja auch so in der Art der Wahlversprechen unserer Politiker, die hinterher sich bestenfalls als teilweise einlösbar erweisen. Da bleibt oftmals von Milch und Honig und sonstigen Zuckerln wenig übrig und das arme Wahlvolk muss erkennen, dass, wie es so schön heißt, »die Wahrheit eine Tochter der Zeit« sei (fragen Sie mich bitte nicht warum Tochter und nicht Sohn!).

Wir sehen also, dass sich zwischen den Versprechen und dem Einlösen derselben ein ordentlicher Spalt auftut, in den wir aber immer wieder mit mehr oder minder großem Vergnügen hineinfallen. Sage da noch Einer »aus Schaden werde man klug« oder »aus Fehlern lerne man«. Mitnichten!

Diese Leichtgläubigkeit machte sich im 19.Jahrhundert ein gewisser Gregor McGregor zunutze. McGregor, ein Schotte, diente in der britischen Armee und nahm an den Befreiungskriegen der Engländer gegen die Spanier in Südamerika teil. Als er wegen eines Streits mit Vorgesetzten aus der Armee flog und zusätzlich seine Frau starb, deren Familie seinen illustren Lebenswandel finanzierte, kam er auf eine geniale Idee.

Er erzählte den Leuten zu Hause von einem Land Poyais am Rio Negro in Südamerika. Es sei ein Land voll fruchtbarer Böden und Goldminen, die für den Reichtum der Bewohner sorgten. In der Hauptstadt Saint Joseph säumten ein Schloss, eine Kathedrale und ein Opernhaus die breiten Boulevards. Wohlstand wohin man blicke. Mit einem Wort: Poyais käme dem Ideal von Schlaraffia ziemlich nahe.

Angezweifelt wurden die Aussagen des Typs nie. Mit Anleihen, die der nicht existierende Staat Poyais vergab und Verkäufen von nicht vorhandenem Land verdiente McGregor ein Vermögen. Einige gar zu Leichtgläubige machten sich sogar auf den Weg in dieses angeblich so wunderbare Land. Sie endeten tragisch. Es handelte sich um sumpfiges Moskitoland und sie starben elendiglich an Malaria.

McGregor hingegen lebte genussvoll von seinem ergaunerten Vermögen und starb ohne je für seine Tat vor Gericht gestellt zu werden. Ein Schelm, wer jetzt irgendeinen Bezug zum Heute herstellt. So leichtgläubig sind wir aufgeklärten Menschen des 21.Jahrhunderts doch nicht. Oder?

2020 10 02/Fritz Herzog

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