FederLesen

Irvin D. Yalom: »Das Spinoza-Problem«

Philippe Sands: »Die Verschwundenen von Londres 38«

Nach längerer Pause möchte ich heute auf FederLesen wieder einmal Buchempfehlungen geben. Und weil es passt, gleich zwei, beide, zugegeben, sind schwere Kost. Aber es ist die Verwandtschaft der Themen und die Ähnlichkeit der Struktur dieser beiden Bücher, die für die gemeinsame Vorstellung spricht.

Beide haben einiges gemeinsam: Sie erzählen von je zwei Personen und in beiden spielt unsere unrühmliche NS-Vergangenheit eine große Rolle und beide Bücher oszillieren irgendwo zwischen Roman und Sachbuch; das Spinoza Buch ein wenig mehr Roman und Londres 38 ein bissl mehr Sachbuch.

Der amerikanische Psychoanalytiker und Autor Irvin D. Yalom schlägt in seinem Buch »Das Spinoza Problem« eine Brücke zwischen dem jüdischen Religionsphilosophen Baruch (Bento) Spinoza (1632-1677) und dem sogenannten Chefideologen Hitlers, Alfred Rosenberg.

Spinoza zweifelt an Gott und stellt die Riten, Bräuche und Lehre seines Glaubens in Frage und wird wegen seiner Schriften und Theorien aus der jüdischen Gemeinde Amsterdams ausgeschlossen. Doch er lässt sich nicht beirren und betreibt seine religionsphilosophischen Studien trotz aller Schwierigkeiten und Anfeindungen bis zu seinem Tod weiter. Ohne Zweifel gilt Spinoza bis heute als einer der bedeutendsten Philosophen, nicht nur seiner Zeit.

Ganz anders Alfred Rosenberg. Er ist von Jugend an von der Besonderheit der sogenannten »arischen Rasse« ebenso überzeugt, wie von der Minderheit des jüdischen Volkes. Um den Gymnasiasten von seiner Irrmeinung abzubringen, empfiehlt ihm ein Lehrer Spinoza zu lesen. Wie kann der Jude Spinoza solche Bücher schreiben, so eine Philosophie entwickeln? Zeitlebens bis zu seinem Tod durch den Strang nach dem Nürnberger Prozess, bis zu dem ihn das Buch begleitet, bleibt er in diesem Zwiespalt. Trotzdem bringt ihn nichts von seiner vorgefassten Meinung ab und so wird er zwar der Chefideologe der Nazis, bleibt aber innerhalb deren Führungsriege immer ein Einzelgänger und Sonderling.

An das andere Ende der Welt, nach Chile, entführt Philippe Sands Buch »Die Verschwundenen von Londres 38«. Die Handlung setzt ein nach dem Ende der Militärdiktatur Chiles. Augusto Pinochet ist in London wegen eines operativen Eingriffs und wird verhaftet. Vor allem spanische Anwälte versuchen den Diktator wegen seiner Verbrechen vor Gericht zu bringen. Dabei spielt auch der damals noch junge Menschenrechtsanwalt Philippe Sands eine Rolle. Doch nach langem Hin und Her kommt Pinochet frei und kann ungestraft in seine Heimat zurückkehren.

Das ist für Sands der Anlass sich auf die Spur des ehemaligen SS-Offiziers Walter Rauff zu machen. Rauff gilt als der Entwickler der mobilen Vergasungsanlagen, in denen tausende Menschen während des Holocausts zu Tode kamen. Rauff gelingt nach dem Krieg die Flucht nach Chile und betreibt eine Fischfabrik im Süden Chiles. Während der faschistischen Diktatur werden in Santiago de Chile an der Adresse Londres 38 zahllose Gegner des Regimes gefoltert und ermordet. Und Rauff agierte als Berater des Regimes. Auch wenn ihm keine unmittelbare Teilnahme an Folterungen nachgewiesen werden konnte, war er mit Sicherheit Teil des Terrors. Ebenso wie Pinochet entzieht er sich einer gerichtlichen Verfolgung seiner sowohl in Polen und Russland als auch in Chile begangener Taten. Beide sterben ohne je vor Gericht zu stehen.

Beide Bücher, wie gesagt: schwere Kost, kann ich meinen interessierten FederLeserinnen und -Lesern nur ans Herz legen. Einerseits wegen der Auseinandersetzung mit der unrühmlichen Geschichte des vergangenen Jahrhunderts und andererseits – siehe Spinoza – wegen der kritischen Auseinandersetzung mit allen Religionen dieser Welt und dem, was sie mit ihren Lehren (nicht mit ihrer Philosophie) aus Menschen machen können.

2026 03 09/Fritz Herzog

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