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FederLesen

Judith W. Taschler: Das Geburtstagsfest

Heute möchte ich Ihnen, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser ein Buch vorstellen, das aktueller denn je ist, auch wenn die Geschichte bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurück reicht. Es ist – auch – eine Flüchtlingsgeschichte über die Traumata und deren gelungene oder misslungene Aufarbeitung nach Krieg, Grausamkeiten und Emigration.

Kim Mey, dem die Flucht nach Österreich vor dem Kambodschakrieg und dem Terror der Roten Khmer gelungen ist, feiert als glücklicher Familienvater von drei Kindern seinen 50. Geburtstag. Als besondere Überraschung laden diese auch Tevi ein, mit der er seinerzeit gemeinsam aus Kambodscha geflüchtet ist. Das, was von den Kindern als freudige Überraschung gedacht war, endet allerdings in einem Fiasko.

In mehreren Rückblenden in die damalige Zeit wird die Geschichte der Familie Mey, sein Vater war ein armer Fischer, und die Tevis, die aus einer Familie der kambodschanischen Oberschicht stammt, erzählt. Die Schilderungen der Machtübernahme durch die Roten Khmer und deren grausames Regime, das Überleben Kims als Kindersoldat und letztendlich seine Flucht nach Thailand sind wahrscheinlich nichts für schwache Nerven, zeigen aber detailreich den gesamten Horror des Krieges – jeden Krieges! – auf.

Auf seiner Flucht trifft Kim die sterbenskranke Tevi, die er als seine Schwester ausgibt. Es gelingt ihnen trotzdem die Flucht nach Thailand und weiter zu einer Familie nach Österreich. Da Tevi Verwandte in Frankreich findet, trennen sich bald ihre Wege, sie bleiben jedoch in Kontakt. Nach dem Waffenstillstand in Kambodscha reisen sie gemeinsam auf der Suche nach ihren Wurzeln nach Kambodscha zurück und erleben dort eine kurze, aber intensive Liebesaffäre.

Mehr will ich an dieser Stelle nicht von der Geschichte verraten. Nur so viel, dass an jenem Tag des Wiedersehens zu Kims 50. Geburtstag all die Erinnerungen an die furchtbare Zeit in Kambodscha, aber auch die seinerzeitige Liebesbeziehung der beiden aufbricht und das so schön geplante Geburtstagsfest zu zerstören droht. Okay, so viel will ich doch noch verraten: letztendlich endet der Roman versöhnlich, die Traumata können, zumindest von Kim, aufgearbeitet werden.

Auch wenn der Kambodschakrieg fünfzig Jahre zurück liegt, das Themen Krieg, Verfolgung, Flucht sind heute aktueller denn je. Die Frage, wer ist Täter, wer ist Opfer, stellt sich dabei ebenso wie die Frage, was machen Krieg und Grausamkeit mit den Menschen, ganz besonders mit Kindern und Jugendlichen, die Kim und Tevi damals waren, in ihrem späteren Leben. Auch ein vordergründig privilegiertes Leben, wie die beiden Protagonisten des Romans führen können, kann nicht vor den Traumata schützen. Nicht auszudenken, was mit jenen geschieht, die dieses »Glück« nicht haben.

Mit einem Wort: große Leseempfehlung meinerseits, aber nix für zart besaitete Gemüter.

2022 03 28/Fritz Herzog