FederLesen

Phillipp von Zesen und die deutsche Sprache

»Auslända, nix wia Auslända und die reden a no ausländisch, des wo wos kana vasteh kau«, so, oder so ähnlich ist mancherorts und immer öfter das Credo zu hören, dass ohne jene unser Leben schöner, reicher und überhaupt besser wäre. Je weniger Kultur im Spiel ist, desto mehr wird der Verlust »unserer« (?) Kultur bejammert. Kernpunkt der Debatten ist fast immer unsere Sprache, doch auch da glaube ich festzustellen, dass der Sprachverlust von jenen umso mehr beklagt wird, je weniger sie selbst dieser einigermaßen mächtig sind.

Dabei machen doch gerade Fremdwörter unsere Sprache so schön. Leider sind viele davon schon ausgestorben. Wer sagt heute noch Trottoir zum Gehsteig, das Lavoir ist mit der Bassena ausgestorben und aus der Gendarmerie wurde die Polizei. Besonders bunt mit der Neusprachlichkeit trieben es die Friseure und Coiffeure die heute für ihre »Salons« (Geschäfte) entweder nur mehr semi-witzige Wortspiele mit »Haar« im Namen führen oder die sich ohnehin als Barbershop bezeichnen.

Wer jetzt glaubt diese Eindeutschungen seien ein Produkt des 20. und 21. Jahrhunderts, der irrt. So komme ich auf besagten Phillipp von Zesen. Sie, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser brauchen sich nicht zu »genieren« (schämen), dass Ihnen der Name nichts sagt und Sie noch nie von ihm gehört haben. Ich habe einen Wissensvorsprung von höchstens einer Stunde, maximal.

Phillipp von Zesen (1619 – 1689) war ein deutscher Lyriker und Dichter, schrieb Romane wie auch Texte für Kirchenlieder und galt in seiner Zeit als einer der bedeutendsten Literaten. Dass ihn heute kaum jemand mehr kennt, darf uns nicht weiter wundern, wer außer ein paar »Aficionados« (begeisterte Anhänger) von Barockliteratur würde seine Werke heute noch lesen?

Aber er machte sich schon im 17. Jahrhundert Sorgen um die deutsche Sprache und versuchte verschiedene Fremdworte ins Deutsche zu übertragen. Einige davon, will ich Ihnen nicht vorenthalten:

So wurde bei ihm aus dem »Horizont« der Gesichtsendiger und aus der »Perspektive« die Verschießung. Aber es kommt noch dicker, so machte er aus dem »Mönchskloster« einen Mannszwinger und aus dem »Nonnenkloster« einen Jungfernzwinger, wobei ihm anscheinend egal war ob auch jede Nonne eine Jungfer war; gut, das mit dem Zwinger nehme ich ihm ab und von da ist es nicht weit zum »Harem«, den er schlicht als Weiberhof bezeichnete.

Missverständlich wäre es heute, wenn man ein »Klistier« als Abspüler, ein »Komma« als Scheidezeichen, einen »Magnet« als Liebesstein, eine »Grotte« als Lusthöhle, das »Sofa« als Lotterbett und »Musik« als Lustgetöne bezeichnen würde. Die »Anatomie« als Entgliederkunst, »Mumien« als ausgedörrte Leichen und das »Schafott« als Blutgericht zu bezeichnen, deutet darauf hin, dass der gute Philipp von Zesen auch Sinn für Morbides (krankhaft, vom Verfall gezeichnet) hatte. Ein »Sakrileg« eine Gottesvergewaltigung zu nennen, scheint mir selbst schon ein Sakrileg zu sein; aber da nahm er es anscheinend nicht so genau.

Ja, lachen wir nicht über die Wortkreationen von Zesens, denn wie ist das in unserer gehetzten Zeit, wenn der job und das timing im office es nur mehr zulässt coffee to go zu trinken und fastfood zu verschlingen, weil das display des notebooks mit zahllosen mails gefüllt ist und just in time ein response notwendig wird? Wie wäre es da mit einem neuen Philipp von Zesen?

Achja, und ehe ich es vergesse, der deutschtümelnde Philipp benutzte als Pseudonym gelegentlich den Namen »Ritterhold von Blauen« und das – bitte! – ist in diesem Kontext (Zusammenhang) nicht politisch zu verstehen und bevor jetzt ein shitstorm (nein, das Wort übersetze ich hier nicht) über mich losbricht, höre ich auch schon auf.

2026 08 01/Fritz Herzog

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