FederLesen

The Old Leatherman

Wer aus der Überschrift schließt, dass ich hier Werbung für trendige Hightech-Taschenfeitel mache, der irrt.  Außerdem ist Ihr FederLesen-Autor taschenfeitelmäßig eher konservativ und zieht deshalb – ich mache wiederum keine Werbung – die roten Messer mit dem markanten Kreuzemblem vor. Aber das nur nebenbei. Nein, ich meine den richtigen Old Leatherman aus den USA; weder verwandt noch verschwägert mit Karl Mays Old Shatterhand und Old Surehand oder James Coopers Lederstrumpf.

Sein richtiger Name war vermutlich Jules Bourglay, aber nicht einmal das ist gewiss. Wahrscheinlich stammte er aus Frankreich, manche meinen auch er sei Frankokanadier gewesen. Auf alle Fälle sprach er fließend Französisch und nur ein gebrochenes Englisch.

Was war aber das Besondere an diesem Mann, dass er zu solcher Berühmtheit gelangte, dass zahlreiche Medien über ihn berichteten und er jetzt sogar, erlauben Sie mir die kleine Überheblichkeit, in »The Hall of Fame« des FederLesers Aufnahme findet?

Auf seinen Wanderungen in den Jahren zwischen 1856 bis 1889 durch die amerikanischen Bundesstaaten Connecticut und New York ging er viele Jahre immer die gleiche Route von 365 Meilen in exakt vierunddreißig Tagen. Ob die 365 Meilen zufällig waren oder ob es ein Hinweis auf die 365 Tage eines Jahres sind, bleibt unklar. Das wirklich besondere daran ist, dass er in diesen vierunddreißig Tagen immer zur gleichen Zeit in den selben Orten ankam. Die Bewohner von Danbury, New Fairfield, Watertown und wie sie alle heißen und zuletzt wiederum Danbury konnten fast die Uhr nach ihm richten; sie wussten immer wann er kommt und wann er geht.

Und er ging die Runde immer rechts herum, niemals wechselte er die Richtung. Ob es zum rechtsdrehenden Wasser auf das manche Esoterikanhänger schwören, einen Zusammenhang gibt ist möglich, aber eher auszuschließen. Wahrscheinlich war seine Rechtsdrehung einfach nur Zufall.

Die zweite Besonderheit an ihm war, dass er ausschließlich in Leder gekleidet war und diese Bekleidung niemals wechselte. Ein Merkmal, dem er auch seinen Namen verdankt. Zu dieser Lederbekleidung gibt es auch eine Geschichte, die, auch wenn sie wahrscheinlich nur erfunden ist, einfach so romantisch-kitschig schön ist, dass ich sie meinen Leserinnen und Lesern nicht vorenthalten will (bitte ab jetzt Taschentücher bereithalten!). Die Geschichte beginnt in Frankreich, in Lyon, wo er sich in die Tochter eines Lederfabrikanten verliebte. Um ihn zu testen, ob er der richtige Mann für seine Tochter sei, übertrug ihm der Vater einen Teil seines Geschäftes. Die Lederpreise fielen in den Keller und das Geschäft misslang. Er bestand den Test nicht und deshalb durfte er seine Liebste nicht heiraten. In seinem Schmerz wanderte er in seiner verbliebenen Lederbekleidung nach Amerika aus und begann aus Liebeskummer seinen 34-Tage-365-Meilen-Rundgang. (So, jetzt bitte Tränen abwischen und ordentlich schnäuzen).

Zuletzt war The Old Leatherman, etwa fünfzig Jahre alt, krank und von schwerem Krebs an Zunge und Kehlkopf zerfressen. Für seine letzte Runde benötigte er, was vorher undenkbar war, sechsunddreißig Tage. Er starb am 24.März 1889 in einer seiner Höhlen, in denen er regelmäßig übernachtete. Seine Lederbekleidung, so stellte man nach seinem Tod fest, wog 36 Kilogramm.

Obwohl von ihm so wenig bekannt ist, schaffte er es doch als Landstreicher zu einiger Berühmtheit. Wir sehen also, dass es nicht großer Dinge bedarf, wie beispielsweise ein Imperium zu gründen oder bedeutende Entdeckungen zu machen um in die Weltgeschichte einzugehen. Die Chance aufs Berühmtwerden lebt damit für uns alle; es muss ja nicht gerade durch Landstreicherei sein.

2020 07 05/Fritz Herzog

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