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FederLesen

Die Weißbüschelaffen

Dass wir Menschen vom Affen abstammen gilt mittlerweile als allgemein anerkannt, auch wenn man bei manchen Exemplaren der Gattung Homo Sapiens meinen könnte, es könnte auch umgekehrt gewesen sein. Aber im Großen und Ganzen ist sich die Wissenschaft einig. Die wenigen, meist etwas schrulligen Kreationisten, die da gelegentlich in den Medien nach oben gespült werden und die meinen die Adam&Eva-Geschichte sei wortwörtlich zu nehmen, die will ich an dieser Stelle vernachlässigen.

Wir sehen damit auch, dass man von unflätigen Schimpfwörtern wie beispielsweise »blöder Aff‘« oder jemand »zum Affen machen« Abstand nehmen sollte, beleidigte man damit doch die eigenen Vorfahren. Etwas »in affenartiger Geschwindigkeit« erledigen ginge da gerade noch durch, insbesondere in unserer heutigen schnelllebigen Zeit; »time is money« oder »speed kills« entsprechen doch dem Zeitgeist – ob wir es gutheißen oder nicht.

Es soll sich bei unseren Ahnen um die sogenannten Menschenaffen gehandelt haben. Nun, die Verwandtschaft eines Silberrücken-Gorillas mit den »alten weißen Männern« wie sie der Feminismus zurecht kritisch sieht, ist kaum zu leugnen. Aber auf dieses feministische Glatteis will sich Ihr FederLesen-Autor nicht begeben; Ausrutschen ist noch das Mindeste, das mir dort blühen könnte.

Wie wäre es beispielsweise, stammten wir von den Bonobos ab, einer Unterart der Schimpansen? Die leben in Rudeln und wenn dort ein Konflikt auftaucht, so lösen sie diese mittels Kopulation. Nicht auszudenken, stammten wir von denen ab! Was daheim bei partnerschaftlichen Konflikten noch immerhin möglich ist, will ich mir im Büro, im Straßenverkehr oder – horribile dictu – in der hohen Politik bei Konfliktfällen gar nicht näher ausmalen.

Da will ich Ihre Fantasie gar nicht weiter beanspruchen und wechsle ganz schnell nach Brasilien zu den Weißbüschelaffen. Ihren Namen haben sie daher, weil sie rund um die Ohren weiße Haarbüschel haben. Bitte kommen Sie mir jetzt nicht damit, dass oft genug alten Männern ebenfalls Haarbüschel aus den Ohren wachsen (ich entgleite schon wieder zu den alten weißen Männern!) – also das wäre als Beweis für unsere Abstammung von diesen Affen völlig unzulässig.

Eine Forscherin der Universität Wien hat in Kooperation mit Verhaltensbiologen aus Brasilien jedoch festgestellt, dass das Verhalten dieser Spezies dem von uns Menschen verdammt ähnlich ist. Bestimmte Charakterzüge wie beispielsweise Neugier, Mut oder Vorsichtigkeit usw. ziehen sich bei einzelnen Affen durch ihr gesamtes Leben. Und das sowohl in der Zoohaltung als auch in der freien Wildbahn. Durchbrochen werden bestimmte Verhaltensweisen nur, wenn ein Affe in der Hierarchie des Rudels aufsteigt. Ich vermute, das kommt Ihnen, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser, aus dem beruflichen Umfeld vielleicht bekannt vor, wenn Sie die Verhaltensänderung anlässlich eines Karriereschritts einer Kollegin oder Kollegen miterleben durften.

Eine andere Studie, diesfalls von der Universität Zürich, hat wiederum die Kommunikation innerhalb der Weißbüschelaffen-Rudel untersucht und festgestellt, dass jedes Rudel einen eigenen Dialekt entwickelt. Auch hier geht es uns Menschen doch ähnlich. Weil wir gerade an der Universität Zürich sind: dort spricht man angeblich auch Deutsch, aber wer von uns versteht schon Schwyzerdütsch? Ob die Weißbüschelaffen im Tiergarten Schönbrunn ein hietzingerisch-aristokratisch leicht nasales Schönbrunner-Weißbüschelig sprechen, die im Züricher Zoo ein Schwyzer-Weißbüschelig und die im brasilianischen Urwald einen Hinterwäldler-Dialekt ging aus der Studie nicht im Detail hervor, kommunikative Unterschiede gibt es jedoch allemal.

2021 10 22/Fritz Herzog