FederLesen

16.Juni – Bloomsday

In meinem Beitrag vom 19.März, zu Beginn des Lockdown oder Shutdown oder wie immer sich dieses Zeug genannt haben mag, welches uns die letzten Monate versaut hat, habe ich angekündigt diese Zeit des social distancing (was für ein schrecklicher Begriff!) nicht dazu zu nützen Ulysses von James Joyce zu lesen. Ich habe mich daran gehalten. Trotzdem möchte ich heute dieses Buch hervorkramen, denn heute, am 16.Juni, ist Bloomsday. Wahrscheinlich der einzige Feiertag unter all den möglichen und unmöglichen Feiertagen dieser Welt, der einer literarischen Figur gewidmet ist.

Leopold Bloom, der Protagonist des Romans, spaziert am 16. Juni 1904 durch Dublin. Der Roman handelt in Anspielung auf die Odyssee davon, was Mr.Bloom an diesem Tag erlebt, denkt und tut (ich weiß, »tut« tut man nicht schreiben; trotzdem!). Am 16.Juni 1954, zweiunddreißig Jahre nach Erscheinen des Romans, hat sich erstmals eine Gruppe aufgemacht den Weg Blooms nachzugehen. Es endete angeblich – und da es Iren waren, glaubt man es sofort – mit einem ziemlich intensiven Saufgelage. So beginnen eben ordentliche Traditionen.

Mittlerweile ist dieser Bloomsday zu einem irischen Feiertag geworden, der in seiner Bedeutung beinahe an den legendären St.Patricks Day heranreicht. Da letzterer, dem irischen Wetter geschuldet, am 17.März nicht unbedingt zu ausgiebigem Feiern im Freien lädt, hat der heutige Bloomsday, zumindest meteorologisch betrachtet, einen jahreszeitlichen Vorteil.

So spaziert man an diesem Tag durch Dublin. Beginnend am Ort des Wohnhauses Leopold Blooms besucht man die verschiedenen Orte der Handlung des Romans. Traditionell gibt es unterwegs immer eine Lesung zum jeweils aktuellen Ort. Wichtig sind auch die kulinarischen Stationen, die selbstverständlich auch so genossen werden: Sei es ein Gorgonzolabrot mit einem Glas Burgunderwein in der Duke Street oder in Butter gebratene, leicht angebrannte Schweinsniere. Der Rundgang endet mit einem Glas Kakao in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages. Kulinarisch ist das Buch, wie wir sehen, eine Niederlage, doch, das muss hier ausdrücklich gesagt werden, man sollte es auch nicht wegen des Essens lesen. Es ist ein Roman, kein Gourmetführer durch Dublin!

Hats on for Joycean Journey (www.http://sweny.ie)

Nicht vergessen werden darf sich am Lincoln Place in Sweny’s Drogerie ein Stück Zitronenseife zu kaufen und diese in die Hosentasche zu stecken und danach auf den Friedhof zu einem Begräbnis zu gehen.

Kurz gesagt handelt der Roman also von einem ganz normalen Menschen an einem ganz normalen Tag und trotzdem, oder wahrscheinlich gerade deswegen, zählt dieses Buch, auch dank des großen James Joyce, zur Weltliteratur.

Vielleicht, so denke ich, sollte ich den Ulysses jetzt doch endlich zur Gänze lesen! Und dann: »Hope to see you at Bloomsday 2021 in Dublin«. Die Schweinsnieren können wir ja weglassen.

2020 06 16/Fritz Herzog

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