FederLesen

Der Wald vor lauter Bäume

Vor wenigen Tagen hat ein diesseits des Atlantiks leidlich bekannter amerikanischer Staatsbürger sinngemäß gemeint die Österreicher seien Waldmenschen und im Wesentlichen damit beschäftigt zwecks Brandvermeidung tagaus tagein das abgefallene Laub unter den Bäumen zu rechen. Na, mehr hat der (mehr oder minder) gute Mann nicht gebraucht! Quer durch die sozialen wie unsozialen Medien machte sich Gott und die Welt oder zumindest jener Teil davon, der zwischen Andau und Feldkirch und Litschau und Eisenkappel zu Hause ist, über den Typ und seine Aussage lustig.

Ich gestehe: Auch ich habe mich lustig gemacht. Dabei lehrte mich doch schon die gute Kinderstube oder jener Teil davon, der sich im Laufe meiner Jahre nicht verflüchtigt hat, dass man sich über Angehörige der sogenannten bildungsfernen Schicht nicht lustig machen soll und man darüber keine Witze reißt. Es ist nun mal so: Der arme Tropf weiß es nicht besser. Und – Erstaunen hin oder her – er kann einfach nix dafür.

Laub rechen angesagt?

Übrigens hat derselbe Mann vor wenigen Jahren die gleiche Behauptung über Finnland und die Finnen getätigt. Ob diesmal eine Verwechslung der beiden Länder bei ihm vorlag oder ob es sich dabei um eine Weiterentwicklung seiner geografischen und humanistischen Halbbildung handelt, ist unbekannt und letztlich auch wurscht.

Wenn ich jetzt selbst in die unterste Schublade der Klischees über Finnland greifen darf, so besteht dieses Land am Polarkreis doch auch nur aus Wäldern, Seen und Gelsen, vielleicht gespickt mit etwas skandinavischem Design und hie und da einem Schispringer, der den österreichischen Adlern den ersehnten Stocklerlplatz streitig macht. Natürlich weiß ich, dass Finnland weit mehr zu bieten hat, so wie Österreicher sich auch nicht ausschließlich von »Viennese Shnitzel« und »Mozartkugeln« (bitte nicht mit »Mozarts Balls« ins Englische übersetzen, das könnte missverständlich sein!) ernähren, den Rest des Tages in Dirndl und Lederhose jodelnd Berggipfel erklimmen und abends wie weiland die Trappfamilie singen oder das »Harry Lime Theme« auf der Zither zittern.

Aber, werden meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser jetzt einwenden, der anfangs erwähnte, wenn auch von mir nicht namentlich genannte amerikanische Staatsbürger, der Finnen wie Österreicher für Laub rechende Waldmenschen hält, sei doch ein Staatsmann und Politiker, von dem man ein Mindestmaß an Wissen und Bildung erwarten können sollte, so kann ich nur sagen: Ja, eh! Näher will ich, Sie verzeihen mir, auf diesen Einwand an dieser Stelle jedoch nicht eingehen.

Aber, sind es nicht die zahllosen falschen Klischees, von den fleißigen Deutschen bis zu den faulen Südländern, um nur zwei noch vergleichsweise harmlose Beispiele zu nennen, die sich nahezu unausrottbar in unseren Gehirnen festgefressen haben? Sind diese Klischees nicht der Anfang vielen Übels?

Und, der ich noch nie in Finnland war, ich muss dieses Land irgendwann besuchen. Schließlich räumt nichts besser mit Klischees auf als Sehen, Kennen und Wissen. Den Flug über den Atlantik werde ich mir hingegen ersparen. Die Amis werden mit meinen Vorstellungen von ihrem Land leben, so wie ich damit lebe in manchen Augen derer ein Art Waldschratt zu sein.

2020 09 17/Fritz Herzog

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