FederLesen

Richard Wagamese: Das weite Herz des Landes

Auch wenn gerade Halloween und Allerheiligen durch die Tage kalendert, schreibe ich heute nix darüber. Obwohl, ums Sterben geht es in meiner heutigen Buchempfehlung auch. Und um eine besondere Vater-Sohn-Beziehung. Und, vielleicht gerade deshalb, ist es in meinen Augen auch kein ausgesprochenes Männerbuch.

Der bei uns kaum bekannte indigene kanadische Autor vom Stamm der vornehmlich in Ontario lebenden Ojibwe schrieb mit »Das weite Herz des Landes« ein berührendes Buch über Liebe und Alkohol, vom Leben und Sterben und von der Weite und Schönheit der kanadischen Wildnis.

Der sechzehnjährige Frank Starlight, wie der Autor selbst, ein Ojibwe, wächst auf einer Farm bei einem Ziehvater auf, der fast im ganzen Buch nur »der Alte« genannt wird. Seinen Vater Eldon, einen starken Alkoholiker sah er bislang nur gelegentlich und erlebte regelmäßig Enttäuschungen, wenn er ihn ausnahmsweise einmal besucht hatte. Seine Mutter kennt er gar nicht und wenn er seinen Ziehvater nach ihr frägt, bekommt er nur zur Antwort, dass er das seinen Vater fragen müsse. Der müsse ihm das erzählen.

Eines Tages erhält Frank die Nachricht seines Vaters, dass er bald sterben würde und er einen letzten Wunsch habe: Er solle mit ihm in die Berge gehen, wo er sterben werde und der Sohn möge ihn nach alter Sitte dort oben sitzend mit Blick nach Osten begraben. Nach anfänglichem Widerstand stimmt Frank zu und begibt sich mit seinem Vater auf diese Reise.

Der Vater, von der Leberzirrhose im Endstadium bereits schwer gezeichnet, erzählt seinem Sohn auf dieser Reise per Pferd durch die Berge Kanadas aus seinem Leben: Die Geschichte seiner eigenen Mutter; die Wende seines Lebens durch ein traumatisches Erlebnis während der Teilnahme am Koreakrieg, das den Beginn seines exzessiven Alkoholkonsums markierte; von abwechselnden Zeiten mit schwerster Arbeit und Alkohol; zuletzt erzählt er seinem Sohn auch die Geschichte dessen Mutter und wie er zu seinem Ziehvater gekommen war. Mehr sei an dieser Stelle jedoch nicht verraten.

All dies während eines mehrtägigen Ritts in die Berge. Begegnungen mit einer Einsiedlerin, einem Bären und die Beschreibung der Wälder Kanadas umrahmen die Handlung dieser besonderen Vater-Sohn-Beziehung. Oben angekommen stirbt Eldon und Frank erfüllt ihm seinen letzten Wunsch und begräbt seinen Vater.

Wenn man im Nachwort des Buchs über den 2017 früh verstorbenen Autor Wagamese liest, dass auch dessen Eltern Alkoholiker waren und er bei Zieheltern aufgewachsen ist, bleibt die Frage offen, wie weit das Buch nicht auch autobiografische Züge trägt? Was bleibt, ist ein berührendes Buch und es macht Gusto mehr von diesem wunderbaren, bei uns nahezu unbekannten Geschichtenerzähler zu lesen.

Keep on reading!

2020 11 01/Fritz Herzog

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