FederLesen

2x Pandemie

Stewart O’Nan: Das Glück der anderen

Oyinkan Braithwaite: Das Baby ist meins

Wer schon genug hat von Pandemie und Lockdown und all der anderen Dinge, die uns seit einem Jahr das Dolce Vita versäuern und versauen, der braucht die heutigen Buchempfehlungen Ihres FederLesers ausnahmsweise gar nicht weiter zu lesen und kann sich an dieser Stelle gerne wieder dem Homeoffice, einer Zoomerei, der Analyse der neuesten Inzidenzzahlen oder anderen mehr oder minder spannenden Beschäftigungen zuwenden. Denn heute möchte ich Ihnen zwei Bücher vorstellen, die auf extrem unterschiedliche Art und Weise Epidemie und Lockdown zum Thema haben.

Stewart O’Nan: Das Glück der anderen

In Friendship, einer Kleinstadt im mittleren Westen der USA, kurz nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs lebt Jacob Hansen mit seiner Familie. Er ist Sheriff, Pastor und Leichenbestatter in einer Person – zugegeben, eine seltsame Mischung. Hansen, gezeichnet von seinen Erlebnissen während des Bürgerkriegs ist ein frommer und gütiger Mann. Er liebt seine Frau und noch mehr seine kleine Tochter und die Idylle der Familie, wie auch die der Kleinstadt scheint perfekt.

Als es zu den ersten Todesfällen durch Diphterie kommt, reagiert Hansen, gemeinsam mit dem örtlichen Arzt zunächst noch pragmatisch. Doch die Todeszahlen, die der Glöckner täglich am Morgen durch Glockengeläut verkündet, steigen und steigen. Als Sheriff muss Hansen Quarantänemaßnahmen durchsetzen, notfalls auch mit Gewalt. Als Pastor versinkt er im Gebet und versucht anhand von biblischen Erzählungen passende Predigten für die Gemeinde zu halten und als Leichenbestatter muss er die Toten begraben und die verseuchten verlassenen Häuser niederbrennen.

Zerrissen zwischen der Bevölkerung, die teils die Quarantänemaßnahmen nicht ernst nimmt und teils trotz Absperrungen aus der Stadt flieht und dem mittlerweile ebenfalls erkrankten Kind und seiner Frau durchlebt Hansen die schwerste Krise seines Lebens.

Das Besondere an diesem Buch ist auch der ungewöhnliche Schreibstil, den Stewart O’Nan gewählt hat: Das Buch ist durchgängig in der zweiten Person Präsens verfasst. Mit dieser »Du-Form« tat ich mir, ehrlich gesagt, zu Beginn etwas schwer, man gewöhnt sich jedoch beim Lesen rasch daran. Der literarische Trick sollte wohl vermitteln, dass sich die Leser durch diese Du-Ansprache mit der Person des Hansen identifizieren. Ganz gelungen ist ihm das – zumindest bei mir – nicht, was vielleicht auch daran lag, dass ich mich nicht ins 19.Jahrhundert hineinversetzen kann (und nebstbei auch nicht so ein frommer Mann wie Jacob Hansen bin).

Oyinkan Braithwaite: Das Baby ist meins

Ein ganz anderes Buch ist das der jungen nigerianischen Autorin Oyinkan Braithwaite. Es spielt aktuell im Jahr 2020. Lagos, die mit 14 Millionen Einwohnern größte Stadt Nigerias liegt, wie auch der Rest der Welt, im Corona-Lockdown; strengste Ausgangssperre inklusive.

Bambi, ein junger Nigerianer, Gigolo, Macho und Weiberheld wird von seiner Freundin, die er wieder einmal betrogen hatte, mitten im strengen Lockdown vor die Tür gesetzt. Da er in seiner Not keine andere Bleibe findet, fährt er zur Frau seines kürzlich an Covid verstorbenen Onkels. Zu seiner Überraschung findet er dort nicht nur seine Tante vor, sondern auch die Geliebte des Onkels, mit der er ebenfalls einmal ein Verhältnis hatte. Und ein Baby ist ebenfalls im Haus.

Nicht genug der Verwirrung des kleinen Casanovas, beanspruchen beide Frauen für sich die Mutter des Babys zu sein. Er versucht herauszufinden, wer denn nun die tatsächliche Mutter ist, doch es gelingt ihm nicht. Ein DNA-Test ist wegen des Lockdowns und der Überlastung der Spitäler und Labors nicht möglich und so bleibt ihm keine andere Wahl, als sich der kuriosen Situation mit den beiden um das Baby streitenden Frauen zu stellen. Der Kompromiss, eine Frau kümmert sich am Vormittag um das Baby, eine am Nachmittag und er selbst in der Nacht, ist nur eine der kuriosen Szenen des Buchs.

Mit »Das Baby ist meins« hat die Autorin ein kurzweiliges Sittengemälde der nigerianischen Gesellschaft vorgelegt, in dem sie sich über den Machismo der Männer ebenso lustig macht, wie über streitsüchtige Frauen. Es ist aber nicht nur ein kurzweiliges Buch, sondern mit 124 Seiten auch ein sehr kurzes; es eignet sich deshalb sehr gut für eine unterhaltsame Lektüre zwischendurch. Und es macht Gusto auf das von der Kritik gelobte und für den Booker-Prize nominierte Erstlingswerk der Autorin »Meine Schwester, die Serienmörderin«. Darüber vielleicht demnächst mehr hier auf FederLesen.

Bis bald: Keep on reading!

2021 03 02/Fritz Herzog

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