FederLesen

Gute Luft

»All I Need Is The Air That I Breathe« schnulzten die Hollies Anno neunzehnhundertsiebzigirgendwann aus den Radios und erklärten ihren Fans, dass sie auf alles verzichten könnten außer auf Liebe und Luft. Nun, bald fünfzig Jahre später und ausgestattet mit einer gehörigen Portion an Kenntnissen des Lebens weiß auch Ihr FederLesen-Autor, dass das so nicht ganz funktioniert. Aber immerhin, sehen wir es als eine romantische Metapher.

Unbenommen gilt aber, dass wir ohne Luft nicht lange leben können. Ohne Wasser vielleicht ein paar Tage, ohne Nahrung, je nachdem welche Reserven wir um unsere Leibesmitte angesammelt haben, ein paar Wochen, aber ohne Luft ist nach ein paar Minuten Schluss – »rien ne va plus«, »game over«! Wie das ohne Liebe ist, um bei den Hollies zu bleiben, müssen Sie, geschätzte Leserinnen und Leser, für sich alleine oder gemeinsam mit der Partnerin oder dem Partner Ihres Vertrauens beantworten.

Atmet ein Mensch durchschnittlich acht Liter Luft pro Minute ein, so ergibt das über den Tag verteilt knapp sechs Kubikmeter. Also eine ganz ordentliche Menge, die uns unschwer erkennen lässt, wie wichtig es ist, dass diese möglichst sauber sein sollte. Feinstaub, sonstiger Dreck und CO2 sind eben nichts, was unser Beuschel erfreut – im Gegenteil!

Ochsenalm/Osttirol

Nur wenige Menschen haben jedoch das Privileg umgeben von reinster Waldesluft oder auf einer Alm zu leben, wo man den Duft feuchter Wiesen oder Kuhdung inhalieren kann. Viel mehr Menschen leben an Durchzugsstraßen, neben Autobahnen, Flughäfen oder Chemiewerken und atmen tagaus tagein Substanzen ein, die ihre Lungenbläschen gar nicht froh stimmen.

Um letztgenannten Menschen das Vergnügen des Einatmens der Luft aus ersterer Umgebung zu ermöglichen sind findige Menschen auf die Idee gekommen frische Luft in Dosen abzufüllen. Auch wenn Ihr FederLesen-Autor bekannterweise oft unernst ist, nein, das gibt es wirklich. Kein Schmäh! Die Luft wird in Spraydosen verpackt und bei Bedarf kann man diese über ein Mundstück inhalieren.

In Österreich ist sie in der Variante tiroler Bergluft erhältlich. Es gibt auch amerikanische Luft. Ob diese von den Rocky Mountains oder aus den Wäldern Vermonts und Mains stammt, weiß ich nicht; vermutlich ist sie nicht aus dem Garten des Weißen Hauses. Jüngst gibt es auch Lüfte aus der Provinz Hokkaido in Japan. Je nach Gusto sind von dort Bergluft, die Luft aus einer nahe gelegenen Schlucht oder aus einem städtischen Park erhältlich. Ohne je dort gewesen zu sein gehe davon aus, dass an diesem Park keine Autobahn vorbeiführt und sich auch kein Kohlekraftwerk in unmittelbarer Nähe befindet.

Eine Blindverkostung (oder sagt man da Blindveratmung?) wäre auf jeden Fall einen Versuch wert. Wie ist die tiroler Bergluft am Gaumen? Ist im Abgang die amerikanische Luft nachhaltiger als die japanische? Schmeckt die aus Tirol nach Pilzen und Gräsern mit einem Hauch von feuchtem Moos in der Nase und die aus Japan mehr nach Lychee? Oder gar Sushi? Und riechen schlecht abgefüllte Dosen gar nach Aluminium, ähnlich einem Wein der korkt? Gibt es auch Jahrgangsluft? Die heurige Luft sollte doch besser schmecken als die der letzten Jahre. Die einschlägigen Gourmetzeitschriften berichten darüber nichts, was ich als Manko empfinde. Neben Sternen, Hauben, Gabeln und dem ganzen Schmonzes könnten sie ja auch Pusteblumen vergeben.

All das haben sich die Hollies nicht erträumt als sie vor fünfzig Jahren von Luft und Liebe sangen. Und, wer weiß, vielleicht gibt es in weiteren fünfzig Jahren ja auch die Liebe in Spraydosen?

2020 07 18/Fritz Herzog

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