FederLesen

Die Eisheiligen

Die Eisheiligen, die uns heuer gefühlt seit mindestens Anfang April, wenn nicht schon länger heimsuchen und uns den sonnigen Frühling mit kalten Nordwinden versaut haben, sorgten bis jetzt dafür, dass die Wintergarderobe noch immer nicht eingemottet in einem Schrank auf den kommenden November warten kann. So sind sie halt die drei mit dem Appendix der Heiligen Sophie. Lehrte man uns doch schon früh, dass man vor den Eisheiligen die Paradeiser und anderes frostempfindliches Gemüse nicht dem Unbill des Freilands aussetzen soll.

Sagte ich drei Eisheilige? Ja klar, Pankratius, Servatius und Bonifatius, das sind doch die drei? Irgendwann, ich könnte jetzt nicht sagen wann genau, hat sich ein vierter Heiliger in die eisige Runde dazu gedrängt. Mamertus ist sein Name. Soll von mir aus so sein. Vielleicht benötigten sie ja einen Vierten zum Tarockieren oder Bauernschnapsen um so leichter die kalten Tage hinter sich bringen zu können. Wer weiß? Die Sophie – oder Sopherl, wie sie der Volksmund nennt – ist als weibliche Heilige sowieso nur himmlischer Aufputz in der maskulin-katholischen Heiligenwelt.

Umgekehrt sollte man die Sopherl jedoch auch nicht unterschätzen: Wenn sie schlechte Laune hat und es regnet an ihrem Jubeltag, dann lässt sie es gleich vierzig Tage lang regnen, sagt zumindest eine alte Bauernregel. Mal sehen wie das Wetter am kommenden Samstag und die dann folgenden vierzig Tage wird.

Wie die Eisheiligen zu Kälte und Frost gekommen sind ist unklar, stammten sie doch alle aus südlichen Gefilden rund um das Mittelmeer wo Spätfröste kaum bekannt sind. Als anständige Heilige haben sie allesamt ein Martyrium erlitten, aber auch das hat nichts mit Eiseskälte zu tun, im Fall des Bonifatius sogar im Gegenteil mit Hitze in Form von heißem Pech in dem man seinem Leben ein grausames Ende bereitet hat. Alle miteinander lebten sie in den ersten Jahrhunderten nach der Zeitenwende wo man noch nichts vom Problem des Klimawandels wusste.

Die Verehrung der Eisheiligen in Zusammenhang mit Spätfrösten setzte erst viel später ein. Als etwa vom 15.- bis Anfang des 19.Jahrhunderts die als »Kleine Eiszeit« bekannte Periode von kalten Jahren währte, die zu Hungersnöten und vielfachen anderen Problemen der Menschen geführt hat, just da entsann man sich der drei respektive vier Heiligen und der Hl.Sophie als Draufgabe und verlieh ihnen den zweifelhaften Titel »Eisheilige«. Die kamen also zu ihrem Titel wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind. Ihr Pech waren einfach ihre Gedenktage Mitte Mai, wo eben gelegentlich noch einmal der Winter seine Muskeln spielen lässt.

Sollten wir nicht in Zeiten des Klimawandels und der Erderwärmung den guten alten Eisheiligen vielmehr dankbar sein für jeden kühlen und verregneten Tag? Ich weiß schon, über das Wetter lässt sich trefflich jammern und es kann in jeder stockenden Konversation als auflockerndes Smalltalk-Thema herhalten. Letztendlich ist es aber ebenso sinnlos wie langweilig. Freuen wir uns doch über die Kühle und den Regen!

Um abschließend meinen geschätzten FederLeserinnen und -Lesern doch noch etwas Erfreuliches für das lange Wochenende mitzugeben, will ich Ihnen meine ganz persönlichen Eisheiligen verraten. Sie heißen Bacio und Amarena und es gibt sie am Hohen Markt und der dritte im Bunde heißt Nocciolone und es gibt ihn (oder eigentlich: »es«) am Tuchlauben. Ich weiß, andere verehren mehr die Heiligen vom – wahlweise – Schweden-, Reumann- oder Schüttauplatz, ich aber bleib‘ bei meinen Eisheiligen! Lasst sie uns also möglichst bald genießen, gleich welche Sorte Ihre ganz persönliche heilige Eissorte ist!

2021 05 13/Fritz Herzog

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