FederLesen

So singe, wem Gesang gegeben

Wenn zu meiner Jugendzeit meine Mutter bei irgendwelchen Schnulzen mitsang, die aus dem Radio heraustrieften und ich sie deshalb augenrollend zurechtwies, sagte sie mir immer »singe, wem Gesang gegeben«, worauf ich meist frech konterte »Eben!«.

Mein Verhältnis zu schnulzigem Liedgut ist seither unverändert geblieben. Weder das Liedgut irgendwelcher nichttöchtersöhne grölender und ziehharmonikaquälender Lederhosenträger, noch das der gutturale »Uh – Ah« Urwaldlaute absondernder Kapperlträger können mein an sich nicht sehr ausgeprägtes musikalisches Herz erreichen. Seis drum!

Dieser Tage, da ich in Kärnten auf Urlaub bin, dem Land der schönen Volkslieder, wo schon seinerzeit ein in Kärnten weltberühmter Phaetonfahrer zahlreiche Lieder gesungen hat, die man heute noch auf YouTube nachhören und -sehen kann bis einem Selbiges vergeht (wer trotzdem Gusto hat, soll es von mir aus tun), bin ich dem volksmusikalischem Gesang näher als sonstwo auf diesem Erdenrund. Sagt man!

Genauer gesagt, bin ich am winterlich tief gefrorenen Weissensee und auch der singt. Er singt aber keine Volksweisen, weder Tränensäcke belastende traurige noch zum Schenkelklopfen oder Schunkeln einladende (semi-)lustige. Es ist das Eis, welches singt, sobald die Sonne drauf scheint. Es singt in einer Mischung aus gregorianischen Chorälen, wiedergegeben von Mönchen eines kontemplativen Schweigeordens und den schrägen Tönen grubingerhafter Percussions Künste. Mit dem Eisbruch im Frühjahr, so wird mir erzählt, kommt der See noch einmal mit einem Tremolo zum Finale Grande, das sich gewaschen hat, um dann bis zum nächsten Winter zu verstummen. Diese Gesänge gibt es halt weder auf CD, noch auf YouTube noch sonstwo. Schöner sind sie allemal!

Fritz Herzog/2020 02 08

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