Eine Ostergeschichte
Zu Ostern, so die Legende, fliegen die Kirchenglocken nach Rom. Und zwar alle, vom kleinsten Sterbeglöckerl bis zur Pummerin – alle! Genauer gesagt fliegen sie vom Gründonnerstag (das ist der Tag mit dem Spinat) bis zur Osternacht, oder, noch genauer, vom Gloria des erstgenannten Tages bis zum Gloria des zweiten, nach Rom. Wie und auf welchem Weg sie nach Rom gelangen ist unbekannt und ob sich das die Glocken bei steigenden Flugpreisen und sinkenden Kirchensteuereinnahmen zukünftig noch leisten werden können, wird sich zeigen.
Selbstverständlich fliegen nur die katholischen Glocken nach Rom. Eh klar! Wohin jene der anderen christlichen Religionen fliegen ist unbekannt. Alles außer Rom scheint möglich. Für die evangelischen Glocken bliebe vielleicht noch Wittenberg. Ebenso unbekannt ist, was all diese Glocken in den zwei Tagen in Rom machen. Läuten sie dort alle gemeinsam, dass der Pontifex glaubt er hätte einen Tinnitus und den Schweizergardisten die Federn an ihren Helmen wie bei einem heimatlichen Föhnsturm wacheln? Ich weiß es nicht. Hoffentlich dröhnen sie nicht wie seinerzeit die Posaunen vor Jericho – nicht auszudenken, was passieren könnte. Oder schweigen sie auch dort, geben sich Pasta, Pizza und ein Glas Chianti, ehe sie wieder die Heimreise antreten? Die Legende scheint mir da nicht bis zum Ende erzählt.

Wie auch immer, hierzulande wird das schöne sakrale Gebimmel durch das atonale Gerassel der Ratschen ersetzt. Die »Ratscherbuam« zu denen sich längst schon auch Mädchen gesellt haben, ziehen mit ihren Ratschen durch den Ort. Ratschen, das wusste ich nicht, wurde im Jahr 2015 sogar in die höheren Weihen des immateriellen UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen. Die UNESCO definiert das etwas geschwollen so: »Ratschen ist ein Lärmbrauch, der in verschiedenen Formen in den Tagen vor Ostern in weiten Teilen Österreichs praktiziert wird. Zentral dabei ist die sogenannte Ratsche, ein Holzschrapinstrument, dessen Geräusch von Gründonnerstag bis Ostersonntag die dann verstummten Kirchenglocken ersetzen soll. Bei der am häufigsten verbreiteten Form des Ratschens gehen Kinder zu verschiedenen Zeiten durch den Ort, ratschen und sagen nach einem bestimmten Ablauf Sprüche auf.« Soweit die UNESCO.
Ich denke, in früheren Zeiten hat diese »Holzschrapinstrumente« (ist das nicht ein schönes Wort? – ich muss es gleich meinem Wortschatz hinzufügen) wahrscheinlich der Opa mit dem Enkel irgendwann gebastelt und es dann von Generation zu Generation weiter gereicht.
Heute kauft man diese – ich muss es nochmals schreiben, weils so schön ist – »Holzschrapinstrumente« im Lagerhaus; sozusagen vom Giebelkreuz zum Kirchenkreuz. Wahrscheinlich sind diese »Holzschrapinstrumente« (i kriag net gnua von dem Wort) »Made in Vietnam« oder so und ob sie aus nachhaltig produziertem Tropenholz hergestellt sind, all das entzieht sich ebenfalls meiner Kenntnis. Aber ich alter weißer Mann will jedoch nicht länger herummosern, nein, es ist ein schöner alter Brauch und gut, dass er weiter gepflegt wird.
Und der Osterhase? Ja, der hat momentan viel zu tun. Der muss bunte Eier legen und gleichzeitig aufpassen, dass ihn, so wie viele seiner Artgenossen, kein Auto über den Haufen fährt oder die Myxomatose, die derzeit unter seinesgleichen tobt, hinwegrafft. Aber »am Ende des Tages«, um auch diese deppate Politikerphrase einmal zu gebrauchen, wird es sich für den Osterhasen schon ausgehen mit den Osternesterln voll bunter Eier, seien sie aus Schokolade oder vom Huhn oder gar vom Hasen persönlich gelegt.
In diesem Sinne wünsche ich allen meinen geschätzten FederLeserinnen und -Lesern ein schönes, friedvolles, sonniges, gemütliches, gesundes, herrliches Osterfest. Möge Ihr Osternest prall gefüllt sein und vergessen Sie nicht das schöne neue Wort »Holzschrapinstrument«.
2026 04 04/Fritz Herzog