FederLesen

Reinkarnation

Trotz des Wissens, dass Reinkarnation eher ein Thema für Ostern als für die Vorweihnachtszeit ist, wagt sich Ihr FederLeser heute an das Thema Wiedergeburt heran. Mit dem Wiedergeborenwerden, und ein völlig neues Leben im Diesseits noch einmal von vorne zu beginnen, ist das ja so eine Sache. In den fernöstlichen Kulturen gilt das mehr oder weniger als Standard, aber bei uns in Mitteleuropa?

Angeblich glauben das laut einer Studie immerhin 29% aller Österreicherinnen und Österreicher. Und sie scheren sich keinen Deut darum, dass eine Wiedergeburt auf der Erde in unserer mehrheitlich christlichen Tradition ausdrücklich nicht vorgesehen ist. Manch einer oder eine meint sogar, sich an das vorherige Leben erinnern zu können. Aber als was oder wer glauben die schon ein Leben hinter sich zu haben? Jetzt könnte man meinen, so wie es in früheren Zeiten die Mehrheit der Menschen gewesen war, als einfache Bauern oder gar Sklaven oder Leibeigene; arme Leute eben, die in bescheidenen Verhältnissen ihr Dasein fristeten. Mitnichten! Alle die vermeinen sich an ein angeblich früheres Sein erinnern zu können, glauben sie seien irgendein Promi der Weltgeschichte gewesen. Ein wenig nach dem Motto: Wenn ich schon heute kein Promi bin, dann wäre ich wenigstens früher so eine oder einer gewesen.

Cimetière du Père-Lachaise; Paris

Sehr beliebt bei den Damen ist beispielsweise Cleopatra. Wobei, ehrlich? Ist es so erstrebenswert jeden Tag in Eselsmilch zu baden, ein Techtelmechtel zuerst mit den Despoten Cäsar und danach eines mit Marcus Antonius zu haben und am Ende erst recht durch Selbstmord zu sterben? Na bitte, ich sage zwar »jeder soll nach seiner Façon glücklich werden«, aber meines wäre das nicht, aber vielleicht sehen das manche Damen anders.

Detto, wenn wir schon dabei sind, wäre es genauso wenig erstrebenswert als Julius Cäsar schon einmal gelebt zu haben. Wer will schon so ein machtgeiler Emporkömmling sein um zu schlechter Letzt doch mit einem Taschenfeitel in der Brust sterben zu müssen und in diesem Zustand danach auf das nächste Leben zu warten? Womöglich noch als Max Mustermann.

Oder wollten Sie in einem früheren Leben Mozart gewesen sein? Ein paar Opern und Symphonien schön und gut, aber sonst? Hundsordinäre Briefe schreiben, mit nicht einmal sechsunddreißig an der Syphilis sterben um dann in einem Massengrab verscharrt werden? Nein Danke!

So lesen sich die, die manche meinen schon gewesen zu sein, wie das »Who is Who« der Weltgeschichte. Von irgendwelchen ägyptischen Pharaonen über Alexander dem Großen und Dschingis Khan bis zu Napoleon ziehen sich die Namen. Aber ehrlich, das waren doch alles keine wirklich netten Zeitgenossen. Normale Menschen, oder was man so als normal bezeichnet, kommen da bezeichnenderweise nie vor.

Die wirklich netten Typen, die spielen überhaupt nicht mit. Kaum jemand meint er oder sie sei im früheren Leben ein Siddharta oder ein Franz von Assisi gewesen. Oder eine Heilige Hildegard mit ihren Kräuteln; so in dieser Richtung gibt es niemand. Wenn schon heilig, dann eher eine Jeanne d’Arc – die war zwar heilig, aber wenigstens das, was man landläufig als »wilde Henn‘« bezeichnet.

Irgendwie scheint mir, steckt da in manchen Menschen eine versteckte Sehnsucht ein Arschloch (Entschuldigung für den Ausdruck) zu sein. Wenn man es nicht hier und jetzt schon ist, so wünscht man sich zumindest früher eines gewesen zu sein. Okay, jeder und jede hat sein Lebensziel und damit einhergehende Wünsche – ich brauch das nicht! Jetzt nicht und früher oder zukünftig auch nicht. Ich kann meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser auch dahingehend beruhigen – ich kann mich an gar nix erinnern schon einmal gewesen zu sein. Und ich hoffe auch nach meinem Dahinscheiden eine Ruhe zu haben und nicht noch einmal irgendwann und irgendwo als Irgendwer den ganzen Schmonzes von vorne beginnen zu müssen.

2020 12 12/Fritz Herzog

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