FederLesen

Schauma moi, daun seh ma scho

»The Times They Are a-Changin’« sang vor über fünfzig Jahren (ja, auch wenn’s schlimm klingt, es ist wirklich so lange her!) Bob Dylan mit seiner nasalen Stimme, die immer ein wenig so klang als leide er unter Polypen. Ob das Ändern der Zeiten von ihm prophetisch gemeint war oder ob sich nicht vielmehr die Zeiten zu jeder Zeit geändert hatten und ändern, lasse ich jetzt einmal dahingestellt.

Manchmal ändern sich die Zeiten langsam und man merkt es gar nicht so richtig. Und da rede ich gar nicht von mir nach dem Motto: Eben noch Volksschüler auf der Kreta in Wien-Favoriten und plötzlich Pensionist in Falkenstein im Weinviertel. Nein, ich meine das ganz allgemein: Gestern, so scheint es, telefonierte man noch mit einem Vierteltelefon und kaum versieht man sich, besitzt man ein Ding über dessen Oberfläche man hin- und her-wischen kann und mit dem man sogar, man hält es nicht für möglich, auch telefonieren kann. Freute man sich gerade noch einen VW-Käfer mit 34PS zu besitzen, fährt man unversehens mit einem SUV mit soundso viel PS, die jetzt kW genannt werden. Der gefühlte hundert Kilo schwere Schwarzweiß-Fernseher im Mahagoni-Wandverbau des Wohnzimmers ist ruckzuck durch den allerflachsten Flatscreen ersetzt worden. Der pickt jetzt dort an der Wand, wo er das Heiligenbild oder das Hochzeitsfoto der Großeltern verdrängt hat.

Ja, manchmal geht es langsam mit den Änderungen der Zeiten. Und manchmal schneller als einem lieb ist. Die letzten vier Wochen (oder sind es schon fünf – keine Ahnung!) sind da ein gutes Beispiel. Haben wir nicht eben erst die Touristen aus Fernost belächelt, die über die Rotenturmstraße ihren Reiseführern lemminggleich mit Mundschutz nachgehechelt sind und schon rennen auch wir mit so einer Maskerade herum? Saßen wir nicht noch unlängst mit Freunden im Beisl unseres Vertrauens bei ein paar Gläsern vom Guten und schon sitzen wir daheim und fürchten uns, nein, nicht vor Ansteckung (ja, das vielleicht auch), sondern viel mehr, dass uns die Decke auf den Kopf fallen könnte wie dem Majestix der Himmel.

Die größte Änderung stellte ich jedoch an der Kassa eines Supermarkts fest. Dort, wo früher verlässlich griffbereit die kleinen Fläschchen mit Wodka oder Sliwowitz zur Verfügung jener standen, die es am dringendsten benötigten, stehen heute die gleichen kleinen Fläschchen. Allerdings anstatt mit Hochprozentigem mit Desinfektionsmittel gefüllt.

Ja, Bob Dylan war wirklich ein Prophet: »The Times They Are a-Changin’«. Ob es ein re-change zu der angeblich guten alten Zeit geben wird? Dazu fällt mir nur einer der philosophisch weisesten wienerischen Sprüche ein: »Schauma moi, daun seh ma scho«. In diesem Sinne: Aufpassen, gesund bleiben, durchhalten!

2020 04 19/Fritz Herzog

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