FederLesen

Volker Kutscher: »Der Gereon-Rath-Zyklus«

Die Buchempfehlung, die ich heute abgebe, ist ebenso ungewöhnlich wie außergewöhnlich. Ungewöhnlich deshalb, da Kriminalromane nicht unbedingt zu meinen literarischen Lieblingsgenres zählen und ich meiner Erinnerung nach noch nie einen Krimi auf den Altar der FederLesen-Empfehlungen gehoben habe. Und außergewöhnlich deshalb, weil es sich diesmal nicht um ein oder zwei Bücher handelt, sondern gleich um zehn. Ich muss Sie, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser deshalb vorweg warnen, falls Sie meiner Empfehlung folgen und die zehn Bücher auch lesen wollen, machen Sie sich gefasst, es sind über 6.000 Seiten, die da auf Sie zukommen.

Aber genug des Beipacktextes und der Warnhinweise bezüglich etwaiger literarischer Unverträglichkeiten und Nebenwirkungen. Auf zum Thema!

Die zehn Bände spielen in Berlin der Jahre 1929 bis 1938, wobei jedem Jahr ein Band gewidmet ist. Hauptfiguren sind Gereon Rath, ein Kriminalbeamter, den es von Köln nach Berlin verschlagen hat und seine Freundin und zunächst Kollegin Charlotte (Charly) Ritter, später, nach der Eheschließung mit Gereon dann eben Charlotte Rath, Privatdetektivin.

Auf die Handlungen und einzelnen Kriminalfälle der aller Bände einzugehen, würde den Rahmen hier sprengen. Das scheint mir auch nicht das Wesentliche der Bücherserie zu sein. Wesentlicher – und das ist der eigentliche Grund meiner heutigen Empfehlung – ist der geschichtliche Hintergrund der Geschichten.

Beginnend 1929, Berlin erlebt eine wirtschaftliche Hochblüte. Es blühen die Cabarets und zwielichtigen Bars in ihrer ganzen Dekadenz ebenso, wie das Verbrechertum und die Unterwelt, das sich in sogenannten Ringvereinen sammelt, die die Stadt in Interessenssphären aufteilen und auch gegeneinander kämpfen. Doch im Untergrund brodelt es bereits und die Schlägertrupps der SA mischen in diesem kriminellen Konglomerat bereits mit.

Mit jedem Band und jedem neuen Jahr wird die NSDAP stärker und mit 1933 übernimmt sie endgültig die Macht in Deutschland. Gilt die Verfolgung zunächst den Kommunisten, wird zunehmend die jüdische Bevölkerung drangsaliert, gedemütigt und verfolgt. Waren es in den ersten Bänden die Verbrecherbanden, die der Kriminalist Gereon Rath verfolgt, werden es zunehmend Verbrecher aus den Reihen der SA und SS; teilweise aus hohen Stellungen der Verwaltung.

Dass Rath damit den Herren der SA, SS, der Gestapo und des Sicherheitsdienstes zunehmend auf die Zehen tritt und gefährlich wird, führt dazu, dass er untertauchen und in die USA fliehen muss. Er überlebt die Katastrophe des Luftschiffes Hindenburg in Lake Hurst und lebt unter falschem Namen in Hoboken bei New York. Doch als seine Frau Charly wegen seiner Verwicklungen in ein KZ kommt, kehrt er unter falschem Namen nach Deutschland zurück.

Mehr will ich an dieser Stelle nicht verraten, nur so viel: wer die Fernsehserie »Babylon Berlin« gesehen hat, diese Serie wurde nach diesen Kriminalromanen gedreht. Wenn ich mir aber dazu erlauben darf – sehr verändert und teilweise weit weg von den Büchern. Es gilt wie fast immer: Buch vor Film!

Wen also die Geschichte der Weimarer Republik und der ersten Jahre der Hitler Diktatur in Deutschland interessiert und wer gleichzeitig spannende Krimis liebt, der ist mit diesen zehn Bänden bestens bedient. Da verlieren die 6.000 Seiten sicher ihren Schrecken.

2026 09 13/Fritz Herzog

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