FederLesen

Grenzüberschreitungen

Werden Grenzen nicht täglich überschritten? Ich meine jetzt nicht jene, wenn wir – hoffentlich bald – über Arnoldstein und Tarvis Richtung Bella Italia fahren oder sonst wohin in südlichere Gefilde reisen dürfen. Ich meine auch nicht jene Grenzüberschreitungen, die wir Österreicher gerne mit »schauma moi, wia weit ma geh kennan, wäu a bissl wos geht imma« begründen, um die Grenzen zwischen Legalem und Illegalem auszuloten, schließlich gilt ja das »mir wern kan Richta brauchn« für den homo austriacus in nahezu allen Lebenslagen.

Nein, heute will ich Sie, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser in die Welt der Grenzsteine und deren Unverrückbarkeit entführen und, im Falle von Verschiebungen derselben berichten, welche Folgen der oder die Verschieber zu gewärtigen haben, wenn sie beim Verschieben ertappt werden. Im Mittelalter, so lehrt uns der Sachsenspiegel aus dem 13. Jahrhundert, war man da noch relativ human. Die vorgesehene Strafe von dreißig Schilling entsprach zwar dem zehnfachen jener des »einfachen Landfrevels« aber immerhin konnten damit so gebräuchliche nette mittelalterliche Strafen wie Kopf oder Hand ab vermieden werden. Immerhin!

Heute, so sagt uns das österreichische Strafgesetzbuch wird dergleichen mit einer Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren geahndet. Nach dem oben schon zitierten Motto »mir wern kan Richta brauchn« werden derartige Nachbarschaftsstreitigkeiten jedoch meist intern ausgetragen. Einigt man sich nicht, so hat das gelegentlich auch schon einmal zu Mord&Totschlag und generationenübergreifender Blutrache geführt, wofür man dann – in letzter Konsequenz – erst recht einen Richter braucht. Dass darauf mehr als die vergleichsweise läppischen »bis zu zwei Jahre« stehen, sei hier nur am Rande erwähnt, aber das ist den Streithanseln in ihrem Zorn dann meistens auch schon egal.

Nicht der Grundstücksvergrößerung, sondern schlicht und einfach weil ihm ein Grenzstein beim Pflügen im Weg war, versetzte vor Kurzem ein Landwirt aus dem belgischen Örtchen Erquelinnes an der französischen Grenze einen Grenzstein um zirka zwei Meter. Was der gute Mann nicht bedacht hat war, dass dieser Stein nicht nur eine Grundstücks- sondern auch eine Landesgrenze markiert hat. Die Folge war, dass er Belgien damit auf Kosten Frankreichs um ein paar Quadratmeter größer gemacht hat. Jetzt soll man nicht sagen, bei einem Land von der Größe Frankreichs käme es auf das nicht an. Da geht es ums Prinzip, denn schließlich wurde die belgisch-französische Grenze schon nach den napoleonischen Kriegen im Jahr 1820 festgelegt und da sollte ein Bäuerlein nicht zweihundert Jahre später kommen und das belgische Imperium aus reiner Bequemlichkeit unrechtmäßig vergrößern.

Aber, der Vernunft der beiden Bürgermeister – des belgischen Erquelinnes und des angrenzenden französischen Jeumont – und der Einsicht des pflügenden Bauers ist es zu danken, dass es zu keinem Grenzkonflikt zwischen den beiden Staaten gekommen ist; die Armeen konnten in den Kasernen bleiben. Der Grenzstein wurde retourniert, die belgisch-französische-Grenzkommission, die zuletzt in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts getagt hatte musste nicht einberufen werden und der Landwirt musste weder mittelalterliche dreißig Schilling bezahlen (keine Ahnung welchem Geldwert das heute entspräche) noch wurde er mit zweijährigem Freiheitsentzug bestraft. Dass er in Hinkunft beim Pflügen das Unbill des im Weg befindlichen Grenzsteins in Kauf nehmen muss, wird ihm Strafe genug sein.

2021 05 08/Fritz Herzog

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