Von den Phrasen und den Fraisen
Bevor jetzt ein »Mega-Shitstorm« (Phrase 1) über mich hereinbricht, ich weiß, Fraisen sagt man nicht, aber der alte FederLesen-Autor stammt noch aus einer Zeit, in der man sagen konnte/durfte, wenn etwas besonderen Ärger hervorrief »do kriag i jo glei de Fraisn«. Ebenso korrekt wie fad übersetzt hieß das »das ärgert mich jetzt aber sehr«.
Aber lassen wir die Fraisen und wenden wir uns den Phrasen zu, auch wenn ich oft genug ob solcher Phrasen die Fraisen bekomme. Gemeint sind Phrasen, die uns in ihrer Nichtaussage so gerne von Politik und Journaille gleichermaßen zugemutet werden. Da FederLesen bekanntlich stets unpolitisch ist, werfe ich jetzt alle »quer Beet« (Phrase 2) »in einen Topf« (Phrase 3) und rühre darin kräftig um. [Mit dem Phrasenzählen höre ich an dieser Stelle auf, Sie haben das System verstanden und ich will Sie ja nicht langweilen; Sie können aber gerne mitzählen].

Besonders beliebt ist neuerdings die Phrase »das ist in trockenen Tüchern«. Höre ich diesen Satz würde ich am liebsten aus den trockenen Tüchern einen nassen Fetzen machen und demjenigen diesen um die Ohrwascheln schlagen. Er (meistens ein »Er«, darum dschändere ich heute nicht) könnte doch auch sagen etwas sei fertig. Aber fertig klingt zu endgültig, also ist der Inhalt der trockenen Tücher doch nicht ganz fertig. Also was jetzt?
Ebenso beliebt ist der Begriff »zeitnah«. Was heißt das? »Die Zeit ist nahe« heißt es in der Bibel, aber das ist wohl nicht gemeint. Bedeutet »zeitnah« bald, demnächst oder ist es vielleicht nur ein Euphemismus für irgendwann oder gar des Sankt-Nimmerlein-Tages?
Apropos Sankt Nimmerlein. Nichts wird »auf die lange Bank geschoben«, die jedoch sehr lang sein muss, bei all dem was dort seit ewigen Zeiten herumliegt und vor sich hin modert, bis es der medialen Vergesslichkeit anheimfällt.
Ein Hochamt der Phrasendrescherei sind immer Politikerinterviews an Wahlabenden, Wurscht ob mit dem der gewonnen oder dem mit der verlorenen Wahl.
»Der Wähler hat entschieden«, dieser Hohlraumsatz entfleucht als sprachliche Flatulenz Gewinnern wie Verlierern. Keine Ahnung wer »der Wähler« ist, bin ich das, sind Sie das, wer ist das? Aber das ist erst der Beginn der Wahlabendphrasendiarrhoe. Für den Verlierer ist das Ergebnis dann stets ein »Weckruf«, was so viel heißt, dass er etwas verschlafen haben muss und er die »volle Verantwortung« übernimmt. Aber auch »Weckruf« und »Verantwortung« unterliegen einer Einschränkung, denn zuerst müssen das noch »die Gremien entscheiden«. Die Gremien, ein Synonym für weiterschlafen, entscheiden dann, dass der »Weckruf« bei der nächsten Wahl problemlos wiederholt werden kann; ad infinitum. Sprechen hingegen »die Gremien« dem Verlierer das »volle Vertrauen« aus, weiß man, dessen Tage sind gezählt; »morituri te salutant« hieß das im alten Rom.
Aber auch der Gewinner ist an Wahlabenden nicht phrasenfrei. »In Demut« nimmt er die »große Herausforderung« an und wird »auf Augenhöhe« auf den möglichen Koalitionspartner »zugehen«. Zugehen? Der steht eh grad neben ihm! Und es wird einen »runden Tisch« geben auf dem »ergebnisoffen« verhandelt werden soll. Vom »runden Tisch« zur »langen Bank« ist oft genug nur ein kurzer Weg, aber das ist dann wieder eine andere Geschichte.
Bekommen Sie, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser, an dieser Stelle auch schon die Fraisen ob so vieler Phrasen? Vergießen Sie keine Tränen über diese Phrasen ohne Sinn und Inhalt, es soll doch alles »in trockenen Tüchern« bleiben. Darum höre ich an dieser Stelle nicht »zeitnah«, sondern jetzt, auf der Stelle, sofort, auf.
2026 05 16/Fritz Herzog