FederLesen

Michela Murgia: Accabadora

Heute entführt Sie Ihr FederLeser in das Sardinien der Fünfzigerjahre des 20.Jahrhunderts und möchte Ihnen das Buch der sardischen Autorin Michela Murgia »Accabadora« vorstellen.

Maria wächst als viertes Kind einer verarmten Witwe in einem Dorf in Sardinien auf. Da die Witwe ihre Familie kaum mehr ernähren kann, gibt sie das Kind der wohlhabenden Schneiderin Bonaria. Diese Form der Adoption – arme Familie gibt Kind vermögenden, oftmals kinderlosen Familien – dürfte in Sardinien in früheren Zeiten nichts Außergewöhnliches gewesen sein.

Maria wächst im Haus der Bonaria wohl behütet und geliebt auf. Doch Bonaria hat ein Geheimnis; manchmal wird sie des Nachts abgeholt und kommt erst spät wieder heim. Wenn Maria sie danach frägt, wird sie von der sonst liebevollen Bonaria schroff zurechtgewiesen.

Maria hilft neben der Schule einem Bauern aus dem Ort bei der Weinlese. Dessen Sohn Andría wird ihr Jugendfreund. Als Andrías älterer Bruder wegen eines Grundstücksstreits angeschossen wird und man ihm deshalb ein Bein amputiert und er in der Folge stirbt, kommt Andría hinter das Geheimnis Bonarias. Er erzählt Maria davon und diese konfrontiert Bonaria damit. Im Streit muss Maria den Ort verlassen und beginnt eine Stelle als Haushälterin und Kindermädchen bei einer reichen Familie in Turin.

Sie verliebt sich in den Sohn des Hauses und als diese Affäre aufkommt, muss sie Turin wieder verlassen und kehrt nach Sardinien zurück. Sie pflegt Bonaria, die in der Zwischenzeit einen Schlaganfall erlitten hatte mit großer Liebe und Fürsorge und begleitet sie in ihrem langen Sterbeprozess.

Mehr von der Geschichte, vom Geheimnis der Bonaria, einer Accabadora, die dem Buch auch den Titel gegeben hat, will ich an dieser Stelle ebenso wenig verraten, wie die Bedeutung von »Accabadora« auf Sardisch. Verraten sei nur ein Satz aus einem Gespräch zwischen Maria und Andría um den sich diese berührende und gleichzeitig bestürzende Geschichte dreht: »Glaubst du wirklich, dass die Dinge von alleine geschehen, die geschehen sollen?«.

Ja, wie geschehen die Dinge? Welchen Einfluss nehmen wir darauf und wie können (oder dürfen!) wir manche Geschichten des Lebens beeinflussen? »Accabadora«, zweifellos keine ganz leichte Lektüre, manchmal düster, aber fesselnd und flüssig geschrieben ist ein lesenswertes Buch, das uns die Geschichte und Traditionen dieser oft nur als Urlaubsdestination bekannten Insel ein wenig näherbringt.

2020 11 28/Fritz Herzog

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