FederLesen

Otto Jägermeier und die Wirklichkeit

»In Wirklichkeit ist die Wirklichkeit nicht wirklich wirklich, aber wirklich ist sie doch«, ein Satz des österreichischen Literaten Andreas Okopenko, der durch eine Schuhwerbung in den 80er Jahren Bekanntheit erlangte; die Generation FederLesen-Autor-plus wird sich daran erinnern.

Die Frage wann etwas wirklich sei, stellt sich in Zeiten wo man die Wirklichkeit, die Wahrheit, von den sogenannten fake-news nicht mehr unterscheiden kann beinahe täglich. Kann man glauben, was in den Medien so alles verzapft wird? Und wird etwas, nur weil es in der Zeitung steht schon wahr? Garantiert ein Eintrag in Wikipedia schon die wirkliche Wirklichkeit, die wahre Wahrheit?

Wer jedoch meint früher sei alles anders und sowieso besser gewesen, der lese die Geschichten von Till Eulenspiegel oder die des Barons Münchhausen. Letzterer hat wenigstens wirklich gelebt, er war nur ein begnadeter G’schichtldrucker, der mit seinen Erzählungen seine Gäste trefflich zu unterhalten wusste. Ob ihm jemand seine Geschichten geglaubt hat, spielte dabei keine Rolle.

Ihr FederLesen-Autor kennt sich in der Welt der klassischen Musik nicht aus und so muss ich darauf vertrauen, was ich bei meinen Recherchen so finde und lese. So zum Beispiel, dass das »Riemann-Lexikon 1972« und das Lexikon »Komponisten der Gegenwart 1992« als seriöse Werke Auskunft über bekannte und weniger bekannte Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts geben.

In beiden scheint ein Komponist namens Otto Jägermeier auf. Otto Jägermeier, geboren 1870 in München, wird dort als Komponist, Symphoniker und Musikethnologe geführt. Letzteres vor allem deshalb, weil er ab 1907 in Madagaskar gelebt hat, wo er afrikanische Musik studiert und Kontakte zu madegassischen Autoren und Komponisten gepflegt hat. Verstorben ist Jägermeier im Jahr 1933 anlässlich einer Europareise in Zürich.

Mit seinen symphonischen Werken, so wird weiter berichtet, soll Jägermeier großes Aufsehen erregt haben. Einen Schwerpunkt seines kompositorischen Schaffens bildete die sogenannte »psychophysische Analyse des Menschseins« (fragen Sie mich bitte nicht, worum es sich dabei handelt).

Und jetzt, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser will ich Sie gar nicht weiter auf die Folter spannen und den Bogen zu Münchhausiaden und fake-news schließen: Seriöse Lexika hin oder her, wie ich Wikipedia entnehme ist Otto Jägermeier eine rein fiktive Figur, die nie gelebt hat. Wer ihn erfunden hat und wie er es in diese seriösen Lexika geschafft hat ist nicht bekannt.

Wer jetzt meint die Erfindung des Otto Jägermeier sei ein Einzelfall, der irrt. In selbigen Lexika wird ein ebenfalls fiktiver Komponist Guglielmo Baldini (geb. 1540) geführt; der hat es sogar in das »The New Grove Dictionary of Music and Musicians« (London 1980) geschafft. Und »Walther Killys Literatur Lexikon« stellt wiederum den fiktiven Literaten und Komponisten Gottlieb Theodor Pilz (1789-1856) vor.

Alles Schmäh? Nix is wahr? Was kann man glauben und was nicht? Ist die Wirklichkeit nicht wirklich? Wann werden News zu fake-news? Wird aus Unwirklichem Wirkliches, nur weil es wo geschrieben steht?

Es gibt eine ebenso einfache wie plausible Erklärung. Die Autoren von Lexika, die in mühsamer Kleinarbeit zu recherchieren und erklärende Texte zu formulieren haben, leisten sich in ihrer langweiligen Arbeit gern einen humoristischen Freischuss indem sie irgendwo in ihrem Werk einen Unsinn verstecken und so entstehen Personen wie eben jener Otto Jägermeier. Aber, ist er jetzt wirklich oder nicht?

2023 08 07/Fritz Herzog

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