Herbert Rosendorfer: Der Ruinenbaumeister
Wenn Ihr FederLesen-Autor an dieser Stelle schon seit einer gefühlten Ewigkeit keine Buchempfehlung abgegeben hat und dann wählt er eines, das gelegentlich für unlesbar gehalten wird, dann muss das einen besonderen Grund haben. Ich will versuchen es zu erklären und Sie trotzdem auf den Geschmack bringen es zu lesen. Selten genug geschieht es, dass ich ein Buch nach Jahren in denen es im Regal vor sich hin verstaubt ist, wieder zur Hand nehme, um es noch einmal zu lesen.
Der Ruinenbaumeister von Herbert Rosendorfer ist 1969 erschienen und es muss so in den späten 70er-Jahren gewesen sein, dass ich es zum ersten Mal gelesen habe und ich war damals schon begeistert von Rosendorfers Fabulierkunst. Als ich es jetzt wiederum gelesen habe, erfreute mich seine Kunst Geschichten zu erzählen aufs Neue, wenn auch mit ganz anderen Augen (die beinahe 50 Jahre dazwischen sind auch an mir nicht ganz spurlos vorüber gegangen).
Ohne mich mit Herbert Rosendorfer auch nur im Entferntesten vergleichen zu wollen, so teilen wir doch die Liebe zum Schelmischen in unseren Texten. Vielleicht haben Sie sein bekanntestes Werk, die »Briefe in die chinesische Vergangenheit«, gelesen, dann wissen Sie was ich meine.
Doch zurück zum Ruinenbaumeister, ein Buch mit einer – naja – Rahmenhandlung in Weltuntergangsstimmung, schließlich wurde das Buch am Höhepunkt des Kalten Krieges verfasst, in der alle möglichen Personen alle möglichen kuriosen Geschichten erzählen. Und vielleicht passt es gerade deshalb auch in die heutige Zeit und wir sollten uns die momentane gesellschaftliche depressive Stimmung mit lustigen absurden und skurrilen Geschichten vertreiben.
Schon der Beginn des Buches, der erste Satz, hat es in sich. Wer so einen ersten Satz eines fast 400 Seiten umfassenden Romans zu formulieren vermag, der braucht sich um das Lesen des ganzen Buchs keine Sorgen mehr machen:
»Wer in einen Zug steigt, in dem sechshundert Nonnen eine Wallfahrt nach Lourdes antreten, ist froh, ein Abteil für sich allein zu finden, auch wenn ihm darin ein komisches leises Pfeifen und mehr noch ein leichter kalter, säuerlicher Geruch auffällt.«
Der Ich-Erzähler trifft auf einer Reise, die an Herzmanowsky-Orlandos »Maskenspiel der Genien« erinnert, eine Reihe von Personen, darunter den titelgebenden Ruinenbaumeister Weckenbarth, sowie einen Dr. Jacobi und Don Emanueli. Doch das ist nur die Rahmenhandlung. Erzählt werden einzelne Geschichten, Fabeln, Märchen. Ein Tatzelwurm kommt da genauso vor wie Dr.Faust oder Don Juan und noch einige andere Personen der Geschichte. Übrigens auch dem fiktiven Otto Jägermeier, von dem ich in meinem letzten FederLesen-Beitrag berichtet habe, ist eine Geschichte gewidmet.
Dem Weltuntergang durch das Erzählen von kunstvollen Geschichten zu trotzen, so, oder so ähnlich hat übrigens Friedrich Torberg Rosendorfers Ruinenbaumeister kurzgefasst rezensiert; besser kann man dieses Buch nicht beschreiben.
2023 08 20/Fritz Herzog