FederLesen

Mark Twain und die deutsche Sprache

Die Geschichten von Tom Sawyer und Huckleberry Finn sind die in unseren Breiten wohl bekanntesten Werke Mark Twains und vielleicht sind auch noch ein paar witzige Aphorismen von ihm bekannt. Weniger bekannt ist, dass der große amerikanische Autor – für Amis fast ungewöhnlich – perfekt Deutsch gesprochen und sich intensiv mit unserer Sprache auseinandergesetzt hat. Auf seine für ihn typische Weise pointiert und nicht gänzlich zynismusfrei.

Weniger bekannt mag sein, dass er zwei Jahre (1897 – 1899) in Wien und Kaltenleutgeben gelebt hat. Am 21. November 1897 hielt er in Wien im honorigen Presseclub Concordia einen Vortrag – man gestattete ihm Deutsch zu sprechen – zum Thema »Die Schrecken der deutschen Sprache«. Das gleichnamige Essay veröffentlichte er im selben Jahr.

»Und nie habe ich das Verlangen gehabt, der edlen Sprache zu schaden, im Gegenteil, nur gewünscht, sie zu verbessern; ich wollte sie bloß reformieren« meinte er dort. Endlose Sätze störten ihn, »die üppige, weitschweifige Konstruktion« solle man »zusammenrücken«, »die Einführung von mehr als dreizehn Subjekten in einen Satz verbieten« und man solle »das Zeitwort so weit nach vorne rücken, bis man es ohne Fernrohr entdecken kann«.

Den dort anwesenden Germanisten und sonstigen Deutschpuritanern hat es vermutlich den Magen eingekrampft und die Zehennägel eingerollt, aber bei aller überspitzter Übertreibung, ganz so unrecht hatte der gute Mark Twain nicht. Kurz gesagt, er sprach sich für eine Sprachreform aus, damit, so empfahl er den Anwesenden, »wenn Sie Etwas sagen wollen, werden Sie wenigstens selber verstehen, was Sie gesagt haben«. Das hat wohl gesessen!

Ob er für sein Referat ausgebuht oder gar mit dem berühmten nassen Fetzen aus der ehrwürdigen Concordia davongejagt wurde (eher nicht) oder ob die Anwesenden wegen seiner Vorschläge und Kritiken nur betropetzt dreingeschaut haben ist nicht bekannt.

Auch auf so manche Unlogik der deutschen Sprache machte er in dem erwähnten Essay aufmerksam. Einer Unlogik, die wahrscheinlich nur jemandem auffallen kann, der Deutsch als Fremdsprache spricht. So fragte er sich weshalb »das Mädchen«, obwohl weiblichen Geschlechts sprachlich sächlichen Geschlechts und »die Rübe«, obwohl eindeutig eine Sache weiblichen Geschlechts sei. Zweifellos wären »das Rübe« und »die Mädchen« (als Einzahl) logischer.

Wie wir heute, mehr als hundert Jahre später, wissen, ist der Duden immer noch die Deutsch-Bibel und zahllose Rechtschreibreformkommissionen haben auch nicht viel mehr zustande gebracht als die Abschaffung des »ß« und nicht einmal das konsequent und durchgehend (ja, ich weiß, ich übertreibe, aber lassen’s mich auch ein bissl Mark Twain spielen).

Sei’s drum, Ihr FederLesen-Autor liebt diese Sprache, auch wenn er noch immer weit davon entfernt ist, diese in ihrer Komplexität sicher zu beherrschen; meinen geschätzten kritischen FederLeserinnen und -Lesern wird das sicherlich schon aufgefallen sein.  Und so bitte ich Sie, mir den einen oder anderen grammatikalischen oder rechtschreibmäßigen Fauxpas zu verzeihen; von Tippfehlern ganz zu schweigen.

Wenn selbst ein Muttersprachler wie ich einer bin es nicht schafft, dann gewinnt der Satz – ich zitiere abschließend nochmals Mark Twain – »Englisch kann man in drei Monaten lernen, Französisch in drei Jahren – Deutsch lernt man in dreißig Jahren nicht« eine wahrlich tiefere Bedeutung.

2023 10 27/Fritz Herzog

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