Omphalomantie und der Nabel der Welt
Landläufig versteht man unter dem Begriff »Arsch der Welt« einen Ort weit abseits der Welt, also so irgendwas wie »Hintertupfing an der Pampa« oder »Schaßklappersdorf am Walde«. Jedenfalls bezeichnet es einen Ort, mag er auch noch so abgelegen sein, auch wenn der zusätzliche Hinweis auf eine Körperregion vielleicht Menschliches vermuten ließe. Hingegen bezeichnet der »Nabel der Welt« tatsächlich eine Person, nämlich eine, die sich für selbigen, den Nabel, also den Mittelpunkt der Welt, wenn nicht gar des Universums, hält.
Wenn Sie, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser, zum Arsch der Welt reisen, müssen Sie sich auf den Weg dorthin machen. Um eine Person zu suchen, die sich für den Nabel der Welt hält, dazu brauchen Sie wahrscheinlich nicht weit zu reisen; jeder und jede von Ihnen kennt vermutlich einen Sich-für-den-Nabel-der-Welt-Halter (ich dschändere an dieser Stelle nicht, da diese meist männlichen Geschlechts sind).

Aber wer oder was ist dann die erwähnte Omphalomantie? Da bemühe ich zunächst einmal das »Gemeinnützige Lexikon für Leser aller Klassen, besonders für Unstudierte« (was für ein schöner Buchtitel!) aus dem Jahre 1807: »Omphalomantie, (griech.) Wahrsagerey der Hebammen aus den Knoten der Nabelschnur«. Angeblich, so die damalige Theorie konnten die Hebammen aus der Anzahl der Knoten vorhersagen wie viele Kinder die Frau noch gebären würde. Bei der Kaiserin Maria-Theresia beispielsweise müsste das bei den ersten ihrer zahlreichen Geburten ein ganz schöner Nabelschnur-Kuddelmuddel gewesen sein. Ihr Leibarzt Van Swieten hat diesbezüglich bedauerlicherweise keine Aufzeichnungen geführt.
Seit 1807 hat sich die Omphalomantie weit über das Knotenzählen hinaus entwickelt. Der moderne und zeitgemäße Omphalomantologe (ich hoffe, die nennt man so) ist naturgemäß schon viel weiter. Er ist in der Lage aus der Form des Nabels Rückschlüsse auf gewisse Charaktereigenschaften der Person zu ziehen.
So hätten Personen mit rundem Nabel immer die Ruhe weg, seien ausgeglichen und stressresistent. Ist er hingegen oval, so deute dies auf eine sehr sozial eingestellte Person hin. Abenteuerlustige, energiegeladene Personen besitzen wiederum einen nach außen gewölbten Nabel. Die kreativen, vielleicht ein wenig verträumten Typen, deren Nabel zeichnen sich durch eine Halbmondform aus. Führungspersönlichkeiten sollen hingegen einen ovalen Nabel haben. Und charmante wortgewandte Menschen sollen einen Nabel in der Form einer Art Sanduhr haben.
Bevor Sie jetzt Ihren eigenen Nabel oder den Ihres Partners oder Ihrer Partnerin näher untersuchen, beende ich meinen kleinen Ausflug zum Nabel der Welt und lasse die Nabel Nabel sein.
Ich habe auch keinen Bock mich allzu sehr in die Tiefen der diversen Nabelformen zu begeben und bin auch nicht in der Lage die verschiedenen omphalomantologischen Thesen zu überprüfen. Ich weiß nur Eines, dass, wenn der Nabel immer mehr in einer Speckschwarte verschwindet, höchstwahrscheinlich der BMI durch die Decke knallt und eine Diät und ordentliches Abspecken angesagt wäre. Am besten mit Joggen oder Radeln bis zum Arsch der Welt. Aber dazu bedarf es keiner Omphalomantie und es ist auch egal ob er eckig, rund, oval oder weißderkuckuckwie geformt ist.
2023 11 28/Fritz Herzog