Ein Gin Tonic gefällig?
Immer wieder, und ganz besonders bei der Präsentation der aktuellen Pisa-Studie, hört und liest man, dass unser Bildungssystem im Argen liege. Doch bis dato konnte niemand beantworten wo dieses »Argen« denn liege und wo man es finden könne. Kein Unterrichts- oder Bildungsminister, von der Handarbeitslehrerin bis zum Universitätsprofessor, konnte es finden und es dort aus seiner Notsituation befreien wie seinerzeit der Prinz Dornröschen aus dem Schlaf.
Umso erfreulicher ist es, wenn ich hier auf FederLesen, wo gelegentlich aus wissenschaftlichen Studien renommierter internationaler Forschungsstätten berichtet wird, diesmal eine Studie einer österreichischen Universität vorstellen darf; genauer gesagt der Uni Innsbruck. Dort hat man untersucht, ob es einen Zusammenhang zwischen bevorzugten Geschmacksrichtungen und bestimmten Charaktereigenschaften eines Menschen gibt. Die Antwort kurz und bündig vorweg: Na selbstverständlich konnte ein Zusammenhang hergestellt werden.
Das dürfte auch schon ein älterer Hut sein, denn es gab bereits eine Vorstudie in der nachgewiesen wurde, dass Personen, die Süßes bevorzugen ein prosoziales Verhalten an den Tag legen. Mit einem Wort, die Schleckermäulchen, das wären die Netten, die Hilfsbereiten, man könnte auch sagen die Guten.
Gut und schön meinten nun die Innsbrucker Forscher, aber wie verhält es sich nun mit Personen, die Bitteres lieben? Und da taten sich mitten im heiligen Land Tirol wahre Abgründe des Menschlichen auf. Um an dieser Stelle keinen hanebüchenen Unsinn zu verzapfen zitiere ich am besten wörtlich aus der Studie: »Die vorliegende Forschung hat gezeigt, dass bittere Geschmackspräferenzen mit ausgeprägteren böswilligen Persönlichkeitsmerkmalen verbunden sind, insbesondere stark mit alltäglichem Sadismus«.
Na Bumm! Mehr braucht’s da net. Zwar wird ein bissl relativiert, dass Geschmackspräferenzen auch genetisch bedingt oder anerzogen sein können, aber die zitierte Conclusio der Studie, die pickt. Eine renommierte deutsche Tageszeitung (nein, es war nicht das großformatige Revolverblattl) verstieg sich in ihrem Bericht über dieses Forschungsergebnis sogar zu der reißerischen Headline: »Psychopathen trinken gern Gin Tonic«.

Wie halten Sie es, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser? Süßes oder Saures, diese Frage stellt sich nicht nur zu Halloween, sondern, ergänzt um Bitteres, anscheinend das ganze Jahr. Ich will Ihnen auch nicht zu nahe treten und an dieser Stelle lieber selber eine Seelenbeichte ablegen. Ich mag Süßes. Eine rosa Schnittenpackung lebt bei mir ebenso kurz wie eine Cremeschnitte oder – aktuell – die Weihnachtsbäckerei. Ich mag aber genauso Bitteres. Ein Glas kühles Pils mag ich genauso wie Radicchio oder Rucola und wie diesen ganzen Bittergemüse heißen. Und hie und da einen guten Gin Tonic oder einen anderen Bitter-Drink lehne ich auch nicht ab. Bin ich deswegen jetzt ein Guter oder ein Böser oder je nachdem oder irgendwas dazwischen? Keine Ahnung! Mögen andere urteilen. Und, nein, das ist kein »fishing for compliments«.
Um zum im Argen liegenden Bildungssystem zurückzukehren, solange unsere Universitäten solche nobelpreiswürdigen Forschungsergebnisse hervorbringen, solange kann es doch nicht so schlimm um es bestellt sein. Oder doch? Vielleicht ist »Im Argen« gar nicht so weit entfernt wie es scheint.
2023 12 08/Fritz Herzog