FederLesen

Rešoketšwe Manenzhe: Wir Zerrissenen

Schon wieder Afrika? Ja, schon wieder Afrika! Letzten Monat war es der Nigerianer Stephen Buoro dessen Buch hier vorgestellt wurde und – schon etwas länger her – zwei Bücher der Äthiopierin Maaza Mengiste. Heute geht es um die südafrikanische Autorin Rešoketšwe Manenzhe und ihren Debutroman »Wir Zerrissenen«.

Der Roman spielt in Südafrika im Jahr 1927, mit Rückblenden auf das Jahr 1913. Hauptfigur ist Alisa. Geboren in Jamaica als Tochter ehemaliger Sklaven verliert sie sehr früh ihre Eltern und wächst bei einem weißen Ehepaar in England auf. Doch sie empfindet sich weder als Jamaikanerin noch als Engländerin und sie macht sich auf die Suche nach ihrer afrikanischen Identität und reist nach Südafrika. Auf der Schiffsreise dorthin lernt sie den weißen Farmer Abram van Zijl kennen. Sie verlieben sich, heiraten, bekommen zwei Töchter und leben auf Abrams Weingut in der Kapregion. Ihr Mann ist also Weißer, Alisa Schwarze und ihre Töchter sind – Manenze schreibt im Nachwort, dass sie bewusst auch verpönte Ausdrücke verwendet – dementsprechend »Mulattinnen«. Und es gibt die gute Seele der Farm Gloria, die in Wirklichkeit Mmakoma heißt, von einem kleinen Stamm aus dem Norden kommt und die die einzig »wirkliche« Afrikanerin des Romans ist.

Bereits seit 1913 durften Schwarze in Südafrika kein Land mehr besitzen. Das war der erste Schritt hin zum Apartheidsystem. Der zweite war 1927 der sogenannte »Immorality Act«, der geschlechtliche Beziehungen zwischen Weißen und Schwarzen verboten hat. Dieses Gesetz zerreißt die Familie van Zijl. Sie müssen das Land verlassen.

Alisa verkraftet es nicht, dass sie, die immer auf der Suche nach ihrer Identität war, nun die vermeintlich gefundene Heimat wieder hinter sich lassen soll; weder Jamaica noch England sind eine Option. In ihrer Verzweiflung zündet sie das Haus an, sie selbst und die jüngere Tochter sterben. Abram ist ein gebrochener Mann. Gemeinsam mit seiner älteren Tochter macht er sich auf die Flucht. Ob die gelingt lässt der Roman offen.

Rešoketšwe Manenzhe schreibt in einer leicht lesbaren Sprache eine äußerst berührende Familiengeschichte, die auch gespickt ist mit immer wieder eingeflochtenen Erzählungen afrikanischer Mythen. Sie selbst schreibt in den Anmerkungen »Mein Roman schildert die gesellschaftspolitischen Umstände, die zu dem perfekt konstruierten System der Apartheid führten«. Dem würde ich noch hinzufügen, dass die einzelnen Protagonisten des Romans, Mutter, Vater, Töchter und die Hausangestellte pars pro toto für die Bevölkerungsgruppen Südafrikas stehen. Auch wenn das Apartheid-Gesetz erst 1948 in Kraft getreten ist, der Weg dorthin wurde bereits Jahre davor geebnet und es wird wohl viele ähnliche Schicksale wie die der Romanfamilie van Zijl gegeben haben.

Zurück zur eingangs gestellten Frage, warum denn FederLesen schon wieder Afrika bemüht?. Weil Afrika viel mehr ist als Bürgerkriege, Korruption und Fluchtbewegungen über das Mittelmeer. Afrika ist ein Kontinent mit einer großen, oft genug traurigen Geschichte und einem blühenden kulturellem Leben. Große Literatur gibt es eben nicht nur im euroamerikanischen Raum. Das übersehen wir gerne. Irgendwann wird FederLesen sicher wieder in Afrika landen; wann, womit, weiß ich noch nicht.

2023 12 20/Fritz Herzog

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