Haarspaltereien
Friseurgeschäfte, die in früheren Zeiten auch nobel Coiffeur hießen und sich stets brav nach ihrer jeweiligen Besitzerin oder ihrem Besitzer Salon Gaby oder Salon Hans oder so ähnlich genannt hatten, müssen, so scheint es mir seit einigen Jahren, möglichst kreative Namen tragen. Immer etwas mit dem Wort Haar oder vielleicht auch Schere oder anderer verwandter Wortschöpfungen.
Der FederLesen-Autor – diejenigen, die ihn kennen wissen es – zählt nicht gerade zu den Top-Kunden eines Frisiersalons, doch hin und wieder muss auch er stutzen gehen. Übrigens seit vielen Jahren zum immer gleichen Herrensalon in der Bäckerstraße in Wien (d.i. eine unbezahlte Werbeeinschaltung). Ich hab‘ also keine allzu große friseurmäßige und frisurmäßige Expertise, so ein bissl halt, sagen wir schwacher Durchschnitt.

Doch zurück zu den Namen. Das Magazin »Der Spiegel« nannte es einst treffend »Verhairendes Haar-a-kiri«. Selbstverständlich nennt sich kein Friseur so. Auch nicht »Haarsträubend« oder »Haarspalterei« oder gar »Haarausfall«, das alles wäre wenig verlockend für potentielle Kundinnen und Kunden. Aber ansonsten ist fast jede Form von Wortspiel erlaubt, mag sie orthografisch auch noch so kreativ sein. Sei es etwas mit Haar, mit Hair, mit Kamm, Locke oder anderer verwandter Begriffe: Haarmonie oder MacHair oder Kämmerei oder Well-Kamm oder Lock ’n‘ Roll. Alles, fast alles ist erlaubt.
Damen würden vielleicht noch einen Friseur bevorzugen, der sich in Hinblick auf die gewünschte Haarpracht »Rapunzel« nennt, doch Männer würden aus Angst vor einer Delilah und den Folgen kaum zu einem Herrenfriseur pilgern, der sich »Samson« nennt.
Es gibt auch Grenzfälle. Will das Geschäft auf seine besonders nachhaltige und naturnahe Pflegeprodukte hinweisen und nennt sich »FairSchneiden« so kann daraus ganz leicht ein »verschneiden« werden. Auf die Frage »Zu welchem Friseur gehst Du?« folgt die Antwort »Zum Verschneiden!« Nein Danke! Lieber nicht.
»Sahaara« klingt nach Oben-auf-Wüste, »HairGott« wie ein Fluch, »SchillerLocke« riecht nach Fisch und ist wenig »VerLockend«, »Schicke Schnitte« könnte auch in Bezug auf die Besitzerin falsch interpretiert werden, »Mata Haari« klingt vielleicht ein wenig anzüglich und »Haarem« könnte in Hinblick auf die Körperstelle des Haarschnitts falsch interpretiert werden. Auch die zunehmend wie die Schwammerl nach dem Regen aus dem Boden schießenden, meist orientalisch angehauchten Barbershops müssen vorsichtig sein. Weder »Barberei« noch »Inglorious Barbers« scheinen angemessen. »Ali Barber« klingt nach vierzig Räuber und Barberossa nach ungepflegtem rot gefärbten Rauschebart.
Es liegt mir an dieser Stelle fern möglichen Friseurgeschäftseröffnern Vorschläge zu liefern, wie sie ihr Geschäft nennen können. Dafür findet man – kaum zu glauben – im Internet einige Firmennamen-Generatoren für Friseurgeschäfte. Man gibt Name, Ort und Geschäftsschwerpunkt ein und der Generator generiert einen Namen. Ich hab’s nicht ausprobiert, aber wahrscheinlich ist das Ergebnis mehr oder minder kreativ, so typisch KI-mäßig eben.
Abschließend bleibt nur die Frage offen, weshalb nur Friseurgeschäfte und vielleicht noch Kosmetikstudios so kreative Firmennamen haben. Kein Fleischhauer nennt sich »Fleischwolf«, kein Bäcker »Altbacken«, keine Boutique »Fetzentandler« und kein Schuster »Zum Doppler«. Aber gut, warum nenne ich mich hier »FederLesen« und nicht »Buchstabensuppe«?
2024 05 08/Fritz Herzog