FederLesen

Swift – Swiffer – am swiffsten

Schneller, höher, stärker ist seit den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit das Motto derselben. Spiele die, so lese und höre ich, zurzeit auch wieder einmal zugange sind. Von der Eröffnungsfeier bis zu den wahrscheinlich zahlreichen Rekorden der Athletinnen und Athleten regiert sicherlich der Superlativ Ohne Rekorde ist da Nix. Und ohne Superlativ ist da auch Nix; Komparativ war sowieso gestern. Wenn nicht mehrmals im Jahr ein Jahrhundertereignis eintritt und sämtliche bisherigen Größenordnungen übertroffen werden, welchen Ereignissen könnten die geliebten Boulevardmedien sonst hinterher hecheln? Könnten sie den Superlativ noch steigern, sie würden es glatt tun (»am superlativsten!«).

Noch etwas bringt die Menschheit – oder zumindest einen Teil davon – derzeit zum hyperventilieren. Die anscheinend größte Sängerin (seit Maria Callas?), die anscheinend größte Songschreiberin (seit dem Schubert Franzl?), die größte Show (zwischen Dschibuti und Las Vegas?), die reichste Frau (seit Cleopatra?) gibt Europa die Ehre und bricht so die rekordesten Rekorde. Dreimal hintereinander füllt sie das Stadion in Wien und wird auf ihre Art und Weise so zirka 200.000 Menschen mit ihren Sangeskünsten beglücken.

Sie, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser haben es wahrscheinlich erraten, der FederLesen-Autor wird nicht dabei sein. Eh klar, als ein in den 70er Jahren als Jugendlicher Domestizierter bin ich mehr der Typ Deep Purple und Led Zeppelin. Das stieß damals auch auf Unverständnis der Senioren, die das (darf man das heute noch schreiben? Ich tu’s einfach:) als »Negermusik« bezeichneten.

Da ich mittlerweile selbst in den Zustand der Seniorität heran- oder sollte ich besser sagen hinein-gewachsen bin, ist das wahrscheinlich die Erklärung für mein taylorswiftiges Unverständnis heute. Wie sang schon der weise Joe Cocker: »N′oubliez jamais – I heard my father say – Every generation has its way«. Also, vergess’ma des net. Dass ich mit dem Faible meiner Eltern für Horst Winter oder Johannes Heesters und wie diese Schnulzenheinis alle geheißen haben nichts anfangen konnte, versteht sich da von selbst; dieses Schmalz war damals auch rekordverdächtig – »every generation has its way«.

Genügte in den 70ern, ein Poster an der Wand des Jugendzimmers (ich erinnere mich, bei mir war es Frank Zappa am Klo sitzend – huch, war das eine Provokation!) und, wenn das Taschengeld gereicht hat, eine Langspielplatte, so bedarf es heutzutage bei den Swifties (ja, die nennen sich wirklich so) schon um einiges mehr. Da gibt es jede Menge einschlägige Literatur (okay, mehr Bilderbücherl als Literatur) und jede Menge MP3s und Videos und Wasweißichwasnochalles; ich glaub »Mördschändeising« oder so ähnlich heißen diese Sachen. Nach all dem spielen dann Eintrittskarten so um die zweihundert Euronen plus/minus auch keine Rolle mehr.

Wenn dann das dreitägige Spektakel vorbei und der vorher entfernte Ernst-Happel-Rasen wieder verlegt ist, dann kommt das große Reinemachen in und um das Stadion. Nach der Swift kommt, bildlich gesprochen, der Swiffer, damit wieder alles am swifftesten ist und blitzblank glänzt. Rekorde wird’s auch geben: sicher in den Kassen der Veranstalter und ganz ganz sicher in jener der Frau Schneider-Schnell. Ganz sicher wird es hingegen kein Rekord in den Börseln des Putztrupps mit dem Swiffer, das sollte man auch – n′oubliez jamais – nie vergessen.

2024 08 02/Fritz Herzog

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