Medikamentenbeipacktextzusammenfaltung
Als treue FederLeserinnen und -Leser wissen Sie sicherlich, dass ich in meinen Texten gerne auf alle möglichen Studien und Forschungsergebnisse zurückgreife. Heute will ich allerdings kein neues Studienergebnis präsentieren. Vielmehr möchte ich einen Vorschlag für ein völlig neues, weder von den Volkshochschulen bis Cambridge, noch vom Wifi bis Yale angebotenes Studienfach machen. Höchste Zeit dafür wäre es!
Wenn es jemand mal da und mal dort zwickt und zwackt, Blutdruck und Cholesterin sich in ungeahnte Höhen erheben oder einfach nur ein simpler Schnupfen einem das Leben erschwert, für alles hat die Pharmaindustrie irgendwelche Pillentropfenzäpfchen bereit, die man sich in die entsprechenden Körperöffnungen in der Hoffnung appliziert, damit man möglichst blitzartig gesunden möge. Und all das verschreibt der Onkel Doktor (Zwischenfrage: warum gibt es nur den Begriff »Onkel Doktor«, aber niemals den einer »Tante Doktorin«? – aber das nur nebenbei).
Danach schleppt man sich, kränklich wie man ist, in die nächstgelegene Apotheke und holt sich das verschriebene Medikament. Zu Hause angekommen öffnet man andächtig die Packung und holt zunächst den Beipacktext heraus. An dieser Stelle passiert meist der erste Fehler, indem man diesen öffnet und – gottbehüte – auch liest. Wobei, mit dem Lesen ist das auch so eine Sache. Sind die oftmals so klein gedruckt, dass sie ohne Lupe nahezu nicht mehr lesbar sind, was besonders bei Medikamenten aus der Augenheilkunde als besonderes Schmankerl gilt.
Wem dann beim Lesen der dort angeführten Nebenwirkungen nicht die Panik ergreift, den kann in der Tat nichts mehr im Leben erschüttern. Vom harmlosesten Schnupfen- oder Kopfwehpulverl können die fürchterlichsten, oftmals todbringenden Folgeerscheinungen ausgehen. So steht’s zumindest dort. Alles, aber auch wirklich Alles könnte als Folge der Einnahme des Medikaments auftreten; also, alles, vielleicht mit Ausnahme von Lepra und Beulenpest, aber sonst wirklich alles! Dass sich die Wahrscheinlichkeit der jeweiligen Folgen im Mikro- oder eher noch im Nanobereich bewegt, spielt dann keine Rolle mehr. Gefahr ist Gefahr!
Der zweite Fehler steht unmittelbar in Zusammenhang mit dem ersten. Liest man den Beipacktext, muss man ihn zuvor entfalten. So weit so gut. Das Drama beginnt jedoch, wenn man ihn wieder zusammenfalten und seinen ursprünglichen Zustand wieder herstellen will, um ihn wieder in der Schachtel ordentlich zu verstauen. Ich weiß nicht wie es Ihnen, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser dabei geht, aber ich verstehe eher das System der Schwarzen Löcher und den Rest des Universums, ehe ich so einen Beipackzettel wieder so zusammenfalten zu kann, damit er ohne Stopfen problemlos in die Schachtel zurück passt.
Damit bin ich jetzt endlich bei der eingangs erwähnten Studienrichtung: »Medikamentenbeipacktextzettelzusammenfaltungskunde« hieße dann diese. Das wäre nicht nur ein schöner Name, sondern mindestens auch ein Masterstudium. Den Bachelor könnte man zuvor im Zusammenfalten von Straßenkarten und Stadtplänen erwerben. Letzteres ist leider durch das Aufkommen von Navigationsgeräten etwas in Vergessenheit geraten, aber für Medikamente gilt das wie eh und je.
Ich vermute jedenfalls, dass die einschlägigen Pharmaunternehmen für diese Tätigkeit, die so eine Art umgekehrtes Origami ist, eigens ausgebildete Fachkräfte anstellen, die sich gegenseitig in ihren ebenso komplexen wie komplizierten Faltungskünsten zu übertreffen versuchen. Ich muss mich damit abfinden, dass ich daran nie herankommen werde, was mir mittlerweile auch egal ist. Nichtlesen oder Stopfen sind durchaus brauchbare Alternativen.
2022 04 21/Fritz Herzog