FederLesen

It’s a long way to …

…nein, nicht nach Tipparary. Heute, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser führe ich Sie an ganz andere Orte und Sie müssen stark sein, denn ich habe wirklich eine niederschmetternde Nachricht. Unsere Lieblingsnachbarn in unserem Lieblingsnachbarland haben ein Problem. Man hält es kaum für möglich, gelten sie doch als die personifizierte Tüchtigkeit und sind bekannt für ihre Qualität und dass sie überhaupt von Autos bis zu Wasweißich alles bsser können; und da rede ich noch gar nicht vom Fußball.

Kaum zu glauben aber die Bundesrepublikaner zwischen Hamburg und München und von Berlin bis Düsseldorf leiden an einem himmelschreienden Mangel. Sie haben, bitte sich festzuhalten, einen Mangel an öffentlichen Toiletten. So entnehme ich einem Artikel von »Die Welt«, dass beispielsweise in Berlin für 3 Millionen Einwohner und 10 Millionen jährliche Touristen sage und schreibe nur 400 öffentliche Örtchen zur Verfügung stehen; da wird schnell die bedürftige Schlange davor lang. In anderen deutschen Städten sieht es nur notdürftig besser aus mit den Notdurftverrichtungsmöglichkeiten.

Die Bürokratie besorgt dann das Übrige: von der Bedarfserhebung über die europaweite Ausschreibung bis zur Fertigstellung einer öffentlichen Anstalt, ziehen Jahre ins Land und die Not der Bedürftigen wird inzwischen nicht kleiner. So lang kann kein Mensch z’sammzwicken.

Da zu schlechter Letzt auf ein Problem das nächste stets auf dem Fuße folgt, haben sie auch noch das Problem mit dem Wildpinkeln, also jenem in Parkanlagen und anderen möglichen und unmöglichen Orten der körperlichen Erleichterungen. Doch, jetzt die gute Nachricht, wenigstens hier arbeiten die Mühlen der Bürokratie schnell und effizient. Man machte aus der Not(durft) eine Tugend, sprach kurzerhand ein Verbot des öffentlichen Pinkelns aus und belegte das Zuwiderhandeln mit geschmalzenen Strafen. In Düsseldorf beispielsweise kostet das öffentliche Wasserlassen 100 bis 150 Euro (fragen Sie mich bitte nicht wodurch sich der Preisunterschied ergibt). Und in Köln wurden im Vorjahr 2400 Personen auf frischer Tat (sagt man das so?) ertappt und erhielten Anzeigen.

Alles in Allem ein gutes Geschäftsmodell und ein schönes Körberlgeld für die Kommunen, denn, so dachten wahrscheinlich die Gemeindeväter und -mütter, die Errichtung von WC-Anlagen kostet Geld, das öffentliche Pinkeln bringt Geld. So simpel funktionieren manchmal kommunale Entscheidungen.

Dabei ist Pinkeln doch irgendwie ein Menschenrecht und öffentliche Toiletten sollten doch unabhängig von Alter, Geschlecht, Religionszugehörigkeit undsoweiter jedermann und jederfrau gleichermaßen zugänglich sein. Nix da, in der Menschenrechtskonvention ist genau Nichts dergleichen geregelt. Auch Abraham Maslow hat das Thema bei der Entwicklung seiner Bedürfnispyramide glatt vergessen, dabei ist es doch ein Grundbedürfnis wie Nahrung, Schlaf, Schutz et cetera.

Wir lernen daraus, dass die wirklich wichtigen Dinge gerne und oft vergessen, verdrängt oder überhaupt nicht ernst genommen werden. Am Tabu sollte es doch längst nicht mehr liegen – oder doch?

Habe ich zu Beginn dieses Textes tatsächlich über deutsche Mangelerscheinungen berichtet? Auweh, man sollte doch tatsächlich zuerst vor der eigenen Haustüre kehren, bevor man über andere herzieht. Einem Bericht der Obdachlosenzeitung »Augustin« entnehme ich nämlich, dass es in Wien für 1,9 Millionen Menschen nur 159 öffentliche Toiletten gibt und dass dieser Mangel nicht nur, aber insbesondere für obdachlose Menschen ein nicht unerhebliches Problem darstellt. Ich weiß, mit der Forderung nach mehr Klos gewinnt man keine Wahlen, trotzdem wär’s nicht schlecht, gäbe es mehr Häuseln, meint Ihr alter FederLesen-Autor, der sich auch immer wieder auf die einschlägige Suche begeben muss.

2023 05 24/Fritz Herzog

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