FederLesen

Von Windeln und dem Hausbau

»Sie hab‘n a Haus baut«, sang Arik Brauer schon Anno 1971. Dabei hatte er doch damals sicher keine Ahnung was Hausbau – also, wirklicher Hausbau – bedeutet. Von der Seestadt und dem Nordbahnviertel hatte er damals ebenso wenig Ahnung wie von Begriffen wie Speckgürtel, Bodenversiegelung oder thermischer Isolierung. Und ein Karree (oder von mir aus: Carree), gab es beim Fleischhauer vom Schwein oder vom Kalb, aber längst noch nicht als städtebaulichen Begriff.

Heute werden Häuser bis in die luftigsten Höhen hinauf gebaut, in Höhen, die den Turm zu Babel als mickrige Keusche erscheinen ließen. Architekten, mehr oder minder begabte, toben sich aus, dass einem Hören und mehr noch oft genug das Sehen vergeht und Sprachverwirrung herrscht auf diesen Baustellen sowieso, da bedarf es längst keines göttlichen Eingriffs mehr.

Schotter und Sand wird aus dem Boden gebuddelt, zu Beton verarbeitet und, schwuppdiwupp, so schnell kann man gar nicht schauen, wird Stockwerk um Stockwerk übereinander gestapelt. Eine Geschwindigkeit, da hatte Arik Brauer schon recht, wenn er sang: »Gestern nachmittag hab‘ ich beim Fenster aussegsehn. Heute in der Früh habn’s mir den Himmel schon verstellt«. Wir brauchen da gar nicht über die Ölscheichs lästern, die beinahe kilometerhohe Häuser in ihre künstlichen Wüstenstädte bauen, es genügt vor der eigenen Haustüre zu kehren.

Doch, wie es scheint, wird mancherorts das Baumaterial knapp und so sind kreative Ideen für alternative Materialien gefragt. Die Japaner, die uns nicht nur mit allerlei elektronischem Klimbim versorgen, sind hier wieder einmal besonders kreativ gewesen.

Jetzt, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser mache ich mit Ihnen einen Gedankensprung vom Hausbau zum Beginn des Lebens und den ersten Jahren jedes Menschen. Irgendwann haben wir alle, auch wenn wir uns nicht daran erinnern, in die Windeln geschissen. Vielleicht waren es noch welche aus Stoff, die brave Mütter regelmäßig gewaschen und ausgekocht haben. Später jedenfalls kamen aus Amerika die ersten Einwegwindeln unter dem Markennamen (Sie wissen schon … – FederLesen ist schließlich werbungsfrei), der heute noch das Synonym für Wegwerfwindeln ist.

Jeder der je ein Baby hatte weiß, dass der Verbrauch derselben und damit verbunden die Menge des Hausmülls exponentiell steigt. Wohin mit dem stuhl- und uringetränkten Zeug, wenn die Mülltonne schon überquillt?

An dieser Stelle kommen die schon erwähnten Japaner ins Spiel. Wie wäre es, dachte sich eine Forschungsgruppe um Siswanti Zuraida von der Universität Kitakyushu, wenn man die gebrauchten Windeln nicht einfach verbrennt oder auf eine Deponie kippt, sondern wenn man sie als Baumaterial verwendet? Bitte schalten Sie an dieser Stelle ihr olfaktorisches Kopfkino aus, wie es denn sei in einer Wohnung zu leben, deren Wände aus gebrauchten Windeln … nein … ich hör‘ schon auf bevor Sie die Nase rümpfen. Nein! Na selbstverständlich werden die Windeln vor dem Einbetonieren gewaschen, gereinigt und desinfiziert … also bitte, was glaubten Sie?

Geschreddert werden sie dann dem Beton beigefügt. Auf tragenden Wänden können sie angeblich bis 27% und auf Zwischenwänden bis 40% des notwendigen Sands ersetzen. Wieviele Kinder wie lange und wie oft in die Windel kacken müssen um einen Wolkenkratzer oder von mir aus auch nur ein Einfamilienhaus damit bauen zu können, konnte ich leider nicht herausfinden. Ich denke es müssen ganz schön viele in einer ganz schön langen Zeit sein. Es lohnt sich also nicht, sollten Sie gerade ein Baby in Ihrer Familie haben, mit dem Sammeln zu beginnen.

2023 06 07/Fritz Herzog

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