»Ich traue keiner Statistik …
… die ich nicht selbst gefälscht habe«, soll Winston Churchill einst gesagt haben. Er war zweifellos ein herausragender Staatsmann und großer Stratege, ob er allerdings mit Mathematik und Statistik viel am Hut hatte ist nicht bekannt. Jedenfalls ist der Satz zu einem geflügelten geworden und Kohorten von Statistikern und Meinungsforschern haben ihn sich zu eigen gemacht; wer hier Zweifel hegt, möge sich an die in Österreich zu zweifelhafter Bekanntheit gelangte Frau B. oder jeden oder jeden X-beliebigen Meinungsforscher (-innen sind mitgemeint!) wenden.
Vom Autoverkäufer bis zum Zuckerlfabrikanten und vom unbedeutendsten Hinterbänkler bis zum Bundeskanzler (wurscht welche Fraktion grad am Ruder ist) alle hängen an den Lippen – oder vielmehr an den Zahlen und Tabellen – der Meinungsforscher. Dass sie dann gelegentlich blaue Wunder erleben, wundert außer den Statistikgläubigen eigentlich niemand mehr.
Zwei kürzlich veröffentlichte Studien haben es mir besonders angetan. Sie, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser, haben es sicher auch den mehr oder minder einschlägigen Medien entnommen, Wien wurde zur lebenswertesten Stadt der Welt erklärt. Also zumindest laut einer Studie, die der renommierte Economist veröffentlicht hat. Es waren vor allem die Kriterien Gesundheitsversorgung, Bildung, Infrastruktur und Kultur, aber auch bei Sicherheit und Stabilität die Wien nach vorne gereiht hatten. Ja, weiß ich eh, sag‘ ich da, dazu hätte ich keine Studie gebraucht, aber sei’s drum. Was ich allerdings nicht herausgefunden haben, wer da befragt wurde – sicher keine grantigen, ewig matschkernden Wiener.
Die zweite, nur auf den ersten Blick der ersten widersprechende Studie kam zum Ergebnis, dass Wien die unfreundlichste Stadt der Welt ist. Jedenfalls behauptet das die »Expat City Ranking 2022« genannte Studie. Genaugenommen kann eine Stadt ja nicht unfreundlich sein, aber ich denke gemeint sind deren Bewohnerinnen und Bewohner – ich will da nicht spitzfindig und päpstlicher als der Papst sein.
Ja, eh, sag‘ ich an dieser Stelle zum zweiten Mal. Wer je einen Wiener Kellner, die Durchsage eines U-Bahn-Fahrers wegen verzögerter Abfahrt oder die Freundlichkeit eines Autofahrers, dem irgendwas nicht passt, erlebt hat, wird das Ergebnis der Studie bestätigen.
Aber wie passen die zwei Studien zusammen? Widersprechen sie sich nicht? Vermeintlich Ja! Wie gesagt ich weiß nicht genau, wer bei diesen beiden Studien befragt wurde; ich gehe davon aus, dass es Nicht-Wiener, also Leute vom Rest der Welt waren.
Und da gibt es für mich nur eine einzige plausible Antwort, dass »Unfreundlichkeit« und »lebenswert« zusammenpassen: Der Rest der Welt braucht das einfach! Die wollen das so! Durch Unfreundlichkeit entsteht anscheinend Lebensqualität. Wer braucht schon nette Menschen, wenn er oder sie auch Ungusteln haben kann? Nett und freundlich war, so scheint es, gestern. Knigge und Elmayer sind »Old School«?
Aber vielleicht – oder besser gesagt: hoffentlich – täusche ich mich und ich habe die Churchill’sche Regel vom ausschließlichen Glauben an die selbstgefälschte Statistik nicht beachtet. Sieht man sich nämlich bei diesen beiden Rankings die weiteren Plätze an, so erkennt man schnell, dass da städtemäßig Kraut & Rüben vermischt wurden und man Äpfel mit Birnen, oder noch besser gesagt Heidelbeeren mit Melonen verwechselt hat. Megacitys mit der vergleichsweise kleinen Stadt Wien zu vergleichen ist schlicht und einfach Unfug.
Mag Lebensqualität ebenso stimmen wie die Unfreundlichkeit, aber was sagt da schon wirklich der erste Platz? Oder anders gesagt: Winston Churchill hatte recht.
2023 07 18/Fritz Herzog