Stephen Buoro: Andy Africa
Mit »Andy Africa« ist dem jungen nigerianischen Autor Stephen Buoro (geboren 1993) aus meiner Sicht ein fulminantes Romandebut gelungen. Es ist eine zutiefst afrikanische Geschichte, eine Geschichte über die afrikanische Jugend, ihre Zweifel, ihre Kämpfe, ihre Sehnsüchte und ihre Hoffnungen und Träume. Es ist aber auch die Geschichte eines Jugendlichen, die sich in Vielem kaum von dem, anderer Jugendlicher in der Welt unterscheidet.
Titelheld ist der fünfzehnjährige Andrew Aziza, den alle nur Andy Africa nennen. Er lebt in der Stadt Kontagora im Nordosten Nigerias in armen Verhältnissen mit seiner Mutter, die er ebenso liebt wie er sie verabscheut. Nie verrät sie ihm, wer sein Vater ist.

Tagsüber hängt er mit seinen Freunden herum, abends schreibt er Gedichte, gewinnt damit sogar einen Preis und in der Nacht träumt er von weißen blonden Mädchen, Mädchen, die er nur aus Filmen kennt und noch nie in Wirklichkeit gesehen hat. Und, er ist Katholik, sogar Ministrant in der örtlichen Kirche, hält selbst aber wenig von der Religion.
Sein Leben ändert sich schlagartig an einem einzigen Tag. Bei einer kirchlichen Feier lernt er Eileen, die Nichte des Pfarrers, ein blondes weißes Mädchen kennen und er verliebt sich spontan in sie. Doch wird die Feier durch einen aufgebrachten radikalmuslimischen Mob zerstört. Er muss mit seiner Mutter von der Feier fliehen. Auf der Flucht verletzt sich seine Mutter schwer und bleibt querschnittgelähmt.
Als er mit seinen Freunden auf eine Hochzeit in die Hauptstadt Abuja fährt, erlebt er nicht nur den Unterschied zwischen seiner ärmlichen Herkunft in einer Provinzstadt und dem Prunk der Hauptstadt. Auch lernt er dort den ihm bis dahin unbekannten Zwillingsbruder seiner Mutter kennen, einen reichen in Luxus lebenden Monsignore.
Die Geschichte gewinnt immer mehr an Tempo und ich will an dieser Stelle auch nicht mehr verraten. Die ewigen Konflikte bis hin zu Massakern mit den radikalen Moslems, der Aufenthalt im Gefängnis, seine Liebe zu Eileen, die Wahrheit über die immer geheim gehaltene Beziehung zwischen seiner Mutter und deren Zwillingsbruder, der Bischof werden soll und der ewige Traum von einem Leben in Frieden und Wohlstand in Europa machen das Buch zu einer ebenso spannenden wie berührenden Geschichte über das Leben eines Jugendlichen im christlich-muslimischen Spannungsfeld Nigerias.
Europa und Eileen sind seine großen Träume, doch dazwischen liegen Schlepperbanden und die unendliche Weite der Sahara. Ob er seine Ziele erreicht, lässt der Roman offen.
Zusammenfassend kann ich sagen ein gelungenes, sprachlich teilweise anspruchsvolles Buch. Der Textfluss wird immer wieder unterbrochen durch die Einfügung von lyrischen Texten, die der junge Nigerianer verfasst. Allerdings stört das nie die Lesbarkeit des Buches, da die Texte stets Bezug auf die Handlung nehmen. Es zeigt mir vielmehr die Vielfalt an Kreativität im jungen Afrika.
Zusammenfassend kann ich nochmals sagen, dass Stephen Buoro mit »Andy Africa« ein Roman gelungen ist, der gerade uns Europäern viel über die Jugend Afrikas erzählt und ein Stück weit erklärt, weshalb so viele sich auf diesen gefahrvollen Weg nach Europa machen um – wie Andy bzw. Stephen Buoro selbst sagt – ihr »beschissenes Land« zu verlassen.
2023 11 03/Fritz Herzog