FederLesen

Woher kommen die Spaghetti?

»Die Teigwaren heißen Teigwaren, weil sie einmal Teig waren«. Nein, der Satz ist nicht mir eingefallen, ich hab‘ ihn gefladert. Leider habe ich die Quelle vergessen und selbst wenn ich sie noch wüsste, könnte ich nicht sicher sein, ob der Autor den Satz nicht auch anderorts gefladert hat. Aber nachdem ich heute wieder einmal eine Teigwarengeschichte schreiben will, habe ich den Satz einfach so an den Beginn gestellt.

Obwohl, Teigwaren? Sind Sie, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser, sicher, dass Spaghetti eine Teigware sind? Selbstverständlich werden Sie sagen, was denn sonst? Jeder kennt sie und fast jeder mag diese dünnen langen Nudeln, ob als Bolognese, Carbonara, mit Vongole oder gar Diavolo.

Um die Teigwarenhaftigkeit der Spaghetti in Zweifel zu ziehen, muss ich Sie nach Großbritannien im Jahr 1957 entführen. Die englische Küche gilt bekanntlich als so ziemlich die schlimmste aller Küchen dieses Globuses. Jamie Oliver war noch nicht geboren und so war das Land eine einzige kulinarische Wüstenei. Eher fand man damals Lokale mit Küchen aus Ländern, die sich das stolze Empire in den Jahrhunderten davor unter zweifelhaften Umständen unter den Nagel gerissen hat, aber italienische Restaurants waren im Jahr 1957 in England noch nicht so verbreitet. So kannte der Durchschnittsbrite Spaghetti nur vom Hörensagen.

In dieses Wissensdefizit stieg die BBC mit einem dreiminütigen Beitrag ein. Die Sendung, damals noch schwarz-weiß, trug den Titel »Spaghetti Harvest in Ticino«, also Spaghetti Ernte im Tessin. Mit ernster, sachlicher Stimme erklärte der Sprecher, dass nach einem besonders milden Frühjahr im Tessin, es heuer eine ganz besonders gute Spaghetti Ernte vom Spaghettibaum gebe. Dass das Tessin in der Schweiz und nicht in Italien liegt, war wahrscheinlich auch schon Wurscht; so genau nahm man das nicht.

Gezeigt wurden Frauen, wie sie die Spaghetti von Bäumen pflücken, zum Trocknen auflegen, dann kochen und zuletzt ihren Männern servieren (nicht vergessen, wir schreiben 1957, da waren die Rollenbilder noch ein bissl anders).

So weit so lustig aus heutiger Sicht. Was darauf jedoch folgte waren die zahlreichen Anfragen bei der BBC, ob so ein Spaghettibaum auch in England gedeihen würde und wo man diesen kaufen könnte. Naja, der Hunger nach g‘scheitem Essen dürfte enorm gewesen sein, denn ewig nur Irish Stew, Fish&Chips und saure Nierchen dürften doch so manchem Briten auf die Nieren gegangen sein.

Und die Moral von der Geschicht‘? Hoaxes und Fake News sind keine Erfindung des 21.Jahrhunderts, der künstlichen (Un)intelligenz und irgendwelcher Bots, die uns mit falschem oder propagandistischem Schas zumüllen. Das beste und bewährteste Mittel gegen diese Dinge ist immer noch die natürliche Intelligenz, auch unter dem Namen Hausverstand bekannt, wobei ich nicht den vom Billa meine.

Und wenn Sie das nächste Mal Spaghetti im Supermarkt kaufen, denken Sie an die fleißigen Spaghettipflückerinnen im Tessin – Mahlzeit!

2025 12 13/Fritz Herzog

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