2x Sorj Chalandon: »Herz in der Faust« und »Verräterkind«
Falls Sie noch nach Lektüre für die kommenden Weihnachtsfeiertage suchen, will ich Ihnen, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser, heute noch rasch zwei Bücher eines bei uns kaum bekannten Autors vorstellen: Sorj Chalandon, Franzose tunesischer Abstammung, begann als Journalist und schreibt heute Romane, die von der Handlung und den Protagonisten zwar fiktiv sind, aber immer in einem historischen Kontext stehen. Ich mag solche Romane, da sie stets auch ein wenig über geschichtliche Hintergründe erzählen, die mir teils unbekannt und teils wenig bekannt sind.

»Herz in der Faust« handelt vom Gefangenenlager und der sogenannten Umerziehungsanstalt für Jugendliche auf der der Bretagne vorgelagerten Insel Belle-Île-en-Mer. Unter entsetzlichen erzieherischen Umständen wurden dort in den 30er-Jahren Jugendliche, Waisenkinder und Kinder aus problematischen Familienverhältnissen, interniert.
1934 gelingt 56 Jugendlichen die Flucht. Alle bis auf den 15jährigen Ich-Erzähler des Romans, Jules Bonneau, werden wieder gefangen und in die schreckliche Anstalt zurückgebracht. Jules findet ein Heim bei einem Fischer, lebt permanent in der Angst erwischt zu werden und träumt davon die Insel verlassen und nach Paris gehen zu können. Doch die Insel erweist sich für ihn als eine Art zweites Gefängnis.
Mehr will ich hier nicht verraten. »Herz in der Faust« ist die ebenso berührende wie erschütternde Geschichte über den Umgang mit als schwierig geltenden Jugendlichen in einer Zeit des aufkommenden Faschismus.
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»Verräterkind«, ist die Geschichte eines Journalisten, der im Jahr 1987 in Lyon vom Prozess gegen den Mörder und Kriegsverbrecher Klaus Barbie berichtet. Er begleitet den Prozess und im Zuge seiner Recherchen und der Frage, wie war das 1942-1944 in Lyon, stellt sich für ihn die Frage welche Rolle sein Vater damals gespielt hat. Der kollaborierte mit den Nazis, arbeitete für die Resistance, wechselte die Seiten und Uniformen, wie es für ihn gerade opportun war. Er stellt seinen Vater, der wie er als Zuhörer am Barbie Prozess teilnimmt, zur Rede, versucht etwas über ihn zu erfahren, doch er stößt nur auf eine Mauer des Schweigens.
Auch in diesem Roman, ebenfalls in der Ich-Form geschrieben, erfährt man viel über die Grausamkeiten des Klaus Barbie, der als sogenannter »Schlächter von Lyon« zweifelhafte Berühmtheit erlangte und nebenher auch über die undurchsichtig fragwürdige Figur seines Anwalts Jacques Vergès. Daneben ist es eine berührende Geschichte eines Vater-Sohn-Konflikts vor dem Hintergrund der NS-Vergangenheit im damals besetzten Frankreich.
Beide Romane waren für mich leicht zu lesende Lektüre – hier zeigt sich, dass Sorj Chalandon ursprünglich Journalist war – mit packend berührenden Geschichten vor historisch interessanten Hintergründen. Ich gebe zu, die Form des Ich-Erzählers war für mich anfangs etwas irritierend, aber man gewöhnt sich im Laufe des Lesens daran und es saugt den Leser, die Leserin sehr stark ins Geschehen hinein. Für beide Romane kann ich eine ganz große Leseempfehlung geben und es machte mir Gusto auf noch mehr von Sorj Chalandon.
2025 12 16/Fritz Herzog