FederLesen

Gottes Bild und Teufels Beitrag

Nein, ich habe mich in der Überschrift nicht verschrieben und nein, heute gibt es keine Buchrezension und schon gar nicht wird John Irvings Roman heute auf FederLesen vorkommen.

Es geht um ein Bild, um »das« Bild, das sich zu machen, so steht es zumindest im Buch Exodus, Kapitel 20, strengstens verboten ist. Dass sich zahllose Künstler von Michelangelo auf- und abwärts einen Schmarren um dieses Verbot geschert haben, steht auf einem anderen Blatt oder eben am Plafond der Sixtinischen Kapelle. Und ob der gute Herr Buonarroti jetzt deswegen in der Hölle schmort oder trotzdem im Himmel weiter malen kann, wissen wir nicht

Doch ehrlich, wie stellen wir uns Gott vor? Zweifellos ist unsere Vorstellung, wie er aussieht durch die Darstellung von Michelangelo geprägt: Ein älterer weißer Mann mit Rauschebart, eine Mischung aus einem Hippie á la Jerry Garcia und einem Bergfex à la Sepp Forcher und vielleicht noch – horribile dictu – ein bissl Karl Marx.

Wenn wir wüssten, wie Adam ausgesehen hat, dann wüssten wir auch wie Gott aussieht – von wegen Ebenbild und so. Doch der Adam – und schon wieder rückt Michelangelo ins Bild – ist bei ihm ein weißer Jüngling, schön wie Adonis. Wenn die Wissenschaft heute davon ausgeht, dass der Ursprung der Menschheit in Afrika liegt, müsste Adam wohl ein Schwarzer gewesen sein und dazu taugt die Michelangelo Vorlage schon gar nicht.

Um endgültige Gewissheit zu bekommen wie Gott aussieht, ging ein Forscherteam der University of North Carolina in Chapel Hill dieser Frage mit wissenschaftlicher Akribie nach. Fünfhundertelf, wieso ausgerechnet 511 weiß ich nicht, es handelt sich dabei auch um keine heilige Zahl, zufällig ausgewählte Personen aus unterschiedlichen Bevölkerungskreisen wurden befragt, wie denn ihr Gottesbild aussähe und welches diesem Aussehen am nächsten käme.

Foto: UNC-Chapel Hill

Aus diesem Sammelsurium von Bildern stoppelten die Forscher dann, womöglich unter Zuhilfenahme von KI, ein gemeinsames zusammen und – Heureka – so sieht er aus, der liebe Gott. Mir liegt Wissenschaftskritik fern, im Gegenteil, ich schätze sie hoch, aber das ist mir doch ein wenig zu simpel. Der liebe Gott mit so einem 08/15-Allerweltsgesicht? So ein Bild (siehe beiliegendes Foto), wo man nicht weiß, ist das ein androgynes Milchgesichtsbubi oder ein Fahndungsfoto aus Aktenzeichen XY? Nein, wirklich nicht. Ich glaube der liebe Gott wusste schon, dass so ein Humbug herauskommt, wenn Menschen sich ein Bild von ihm machen und diktierte dem Moses da oben am Berg Sinai ganz bewusst das Bilderverbot in dessen Aufzeichnungen hinein.

Liest man ein wenig genauer in die Studie hinein, so kommen doch noch ein paar plausible Erkenntnisse zusammen. So zum Beispiel, dass jeder sich sein Gottesbild nach sich selbst zusammenbastelt, womit wir wieder beim Ebenbild wären; diesfalls halt nicht beim Adam, sondern bei jedem selbst. Folglich ist er bei Weißen weiß, bei Schwarzen schwarz, bei Konservativen alt und weise, bei Liberalen ist er jung und liebevoll usw. Nur Frauen sehen ihn ebenfalls als Mann. Da kann, Emanzipation hin oder her, noch so viel von »Göttin« und der Lillith als dem ersten Mensch geträumt werden, es nutzt alles nix.

Okay, ich gebe zu, es wurden nur Amerikaner befragt. Ob er bei Europäern anders aussähe? Vielleicht ja, vielleicht nein, ich will da nicht spekulieren.

Doch, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser, es ist sicher gesünder für uns, wenn wir uns kein Bild machen, denn, und ich zitiere nochmals das Buch Exodus, diesfalls Kapitel 33, wo es in aller Klarheit heißt: »Du kannst mein Angesicht nicht sehen; denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben«. In diesem Sinne: Auf ein langes Leben in Gesundheit und sehen wir den Michelangelo als Kunstwerk und nicht als Abbild.

2024 01 14/Fritz Herzog

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