FederLesen

Leonardo Padura: Der Mann, der Hunde liebte

Das Karl Marx zugeschriebene Zitat »Die Geschichte wiederholt sich immer zweimal – das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce« wurde durch den slowenischen Philosophen Slavoj Žižek abgeändert in »first comes tragedy, then comes tragedy«; keine Farce, immer nur Tragödie.

An dieses Zitat musste ich denken als ich – Zufall oder nicht – genau zum Zeitpunkt der Ermordung Nawalnys durch »Putin und sein mörderisches Regime« (© BPr van der Bellen) zum zweiten Mal Leonardo Paduras historischen Roman »Der Mann, der Hunde liebte« aus dem Regal holte. Žižek hat recht, Geschichte wiederholt sich, aber leider oft genug zweimal als Tragödie.

Der Kubaner Leonardo Padura erzählt die Geschichte von Lew Dawidowitsch Bronstein, besser bekannt als Leo Trotzki und seines Mörders, dem Katalanen Ramón Mercader. Die Tragödie von 1940 mit Stalin und seinem Handlanger Mercader gegen Trotzki, wiederholte sich in gewisser Weise 2024 mit Putin und seinen Vasallen gegen Alexei Nawalny.

Doch zu Paduras Roman. In drei Erzählsträngen führt der Autor den Leser ins Spanien des Bürgerkriegs, in die UdSSR Stalins, in Trotzkis Asyltorte Türkei, Frankreich, Norwegen und letztendlich Mexiko und zur Begegnung des (fiktiven) Erzählers mit einem Fremden (ist es Mercader nach seiner Haftentlassung?) am Strand von Havanna in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Was die drei, Trotzki, Mercader und den Fremden vom Strand eint, ist ihre Liebe zu Hunden, zu den russischen Windhunden Borsoi.

Das ist auch die einzige Gemeinsamkeit. Der Mercader, enttäuscht von der Niederlage der Republikaner gegen das faschistische Franco-Regime ist mit Leib und Seele Stalinist und lässt sich von sowjetischen Geheimdienst anheuern und ausbilden. Einziges Ziel ist die Ermordung Trotzkis. So wie Mercader fanatischer Stalinist ist, ist Trotzki fanatischer Bolschewist und Antistalinist. Sein Lebensziel ist es, Stalins Verbrechen aufzudecken und Stalin zu stürzen.

Doch gegen das Katz- und Mausspiel Stalins hat Trotzki keine Chance. Seiner Funktionen beraubt, aus der Partei ausgeschlossen, zunächst nach Sibirien verbannt, später in die Türkei, nach Frankreich und Norwegen; stets wurde er auf Betreiben Stalins aus seinem Asylland ausgewiesen bis ihn Mexiko endgültig aufnahm. Der Ermordung erfolgte – wie sagt man? nicht kurz und schmerzlos – sondern schrittweise, langsam, demütigend und auf Raten, eben sadistisches Katz und Maus.

Neben den erwähnten Protagonisten des Romans begegnet man noch zahllosen von Stalin hingerichteten und ermordeten Wegbegleitern der russischen Revolution von 1917, aber auch bedeutenden Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts wie Kemal Atatürk, Tschiang Kai-Shek, oder Trygve Lie um ein paar Politiker zu nennen, aber auch dem Künstlerpaar Diego Rivera und Frieda Kahlo, die Trotzki in ihrem Blauen Haus eine Heimstatt in Mexiko gegeben haben.

Leonardo Padura ist mit diesem Roman ein großartiges zeitgeschichtliches und literarisches Dokument gelungen. Nicht zu vergessen, dass der Kubaner Padura diese Abrechnung mit den Gräueln der Stalin-Zeit 2009 im Kuba des Castro-Regimes verfassen konnte. Die Antwort auf die Frage, ob Trotzki zu heroisch und Mercader als verblendetes Opfer des Regimes dargestellt werden, die muss ich meinen geschätzten FederLeserinnen und -Lesern überlassen. Lesenswert ist dieser spannende historische Roman allemal.

2024 02 24/Fritz Herzog

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