Hommage auf den Zehnten Hieb
150 Jahre ist er heuer alt, der zehnte Wiener Gemeindebezirk, Favoriten. Also, ein dreifach Hoch und Happy Birthday alte Dame! Ich fühle mich befugt über diesen Bezirk etwas zu schreiben, da ich von 1959 bis 1974 dort wohnte, einen Teil meiner Kindheit und Jugend dort verbracht hatte und gleichzeitig fühle ich mich auch ein bissl unbefugt, weil ich seit fünfzig Jahren nicht mehr dort lebe, fünfzig Jahre, in denen sich der Bezirk von Grund auf verändert hat, wie ich bei meinen – selten genug – Besuchen dort feststelle. Ich versuch’s trotzdem.
Bei allen Problemen rund um den Reumannplatz, die ich weder leugnen noch kleinreden will, die jedoch von den xenophoben Krawallmedien genüsslich und Leser heischend ausgebreitet werden, der Bezirk und seine Grätzeln besteht aus mehr als aus dem Reumannplatz und dem Viktor Adler Markt. Und eines darf man nicht vergessen, der Bezirk war immer von außen bestimmt. Es begann schon damit, dass sein Namensgeber, das ehemalige Schloss Favorita, das heutige Theresianum, eben nicht in, sondern außerhalb Favoritens liegt. Eigentlich ein Absurdum, wie so Vieles in Favoriten und etwas, dass den 22 anderen Bezirken nicht im Traum einfallen würde sich den Namen von einem Ort außerhalb des Bezirks zu geben.
Es begann mit den aus den damaligen Kronländern zugewanderten sogenannten »Ziegelbehm«, die unter unmenschlichsten Bedingungen den Baustoff für die in Wien so typischen Gründerzeithäuser und Ringstraßenpalais erzeugten. Dass solchen Lebensbedingungen meist auch Kleinkriminalität folgt, trug auch nicht zur besseren Integration der Zuwanderer und folglich zum schlechten Ruf Favoritens bei. Es waren immer »de Auslända«, die für das schlechte Image des Bezirks verantwortlich gemacht wurden. Oft genug mehr von außen als von innen.
Zunächst, wie gesagt, waren es Böhmen und Mährer, nach dem 2. Weltkrieg verschiedenste Kriegsflüchtlinge, in den 70er Jahren Chilenen, die vor dem faschistischen Pinochet Regime geflohen sind, später dann türkische und jugoslawische Arbeiter und zuletzt eben Syrer und Afghanen.
Und selbstverständlich prägten die jeweiligen Menschen auch die Geschäfte Favoritens; ihre Namen sprachen für ihre Herkunft: Tlapa und Vitaly (Bekleidung) Medwenitsch (Elektro) oder Vytlacil (ich hoffe ich schreibe den Namen aus der Erinnerung richtig – Sportgeschäft) sind nur ein paar Beispiele. Überlebt hat nur der »Tichy«, der zu einer Wiener Institution in Sachen Eis geworden ist.
Dass damals das »Böhmakeln«, der tschechische Akzent, der vorwiegend älteren Frauen, die Männer waren wahrscheinlich im Krieg gefallen, noch an der Tagesordnung war, gehört auch zu meinen Kindheitserinnerungen.
Die »Behm« sind verstorben oder weggezogen, nachgekommen sind Neue und wieder zieht es die Ärmsten und Geflüchtete nach Favoriten. Die ehemaligen Geschäfte sind heute vielfach Barbershops, Kebab Buden (»Döner mit Alles!«) und orientalische Brautmodengeschäfte.
Irgendwann, davon bin ich überzeugt, werden auch die verschwinden und Neues wird und Neue werden kommen. Bleibt zu hoffen, dass es nicht wieder Menschen sind, die Not und Armut nach Favoriten führt, aber es scheint das Schicksal dieses Bezirks zu sein, für diese Menschen da zu sein und wenn es sonst niemand tut, Favoriten tut es!

Erlauben Sie mir abschließend ein klein wenig Werbung in eigener Sache zu machen: In meinem Buch »Von Aspern auf die Kreta« habe ich einige Geschichten und Erinnerungen an Favoriten aus den frühen Sechzigerjahren, konkret an »die Kreta«, das Grätzel zwischen Quellenstraße, Absberggasse, Gudrunstraße und Kempelengasse, den Laaerberg mit dem Böhmischen Prater und meine Volksschule in der Laimäckergasse verfasst. Erhältlich ist das Buch bei mir oder beim Buchhändler Ihres Vertrauens.
Achja, und auf weitere 150 Jahre liebes Favoriten!
2024 03 19/Fritz Herzog