Gaea Schoeters: Trophäe
Vorweg gleich einmal eine Warnung: die heutige Buch- und Leseempfehlung auf FederLesen ist nichts für schwache Gemüter. Mit schwachen Nerven und empfindlichem Magen sollte man die Finger besser von diesem Buch lassen. Wer es jedoch schafft dieses Buch zu Ende zu lesen wird von der Wucht seiner Sprache ebenso überwältigt sein, wie vom Grauen des Inhalts.
Und, nein, es ist kein Thriller, wie man nach meiner Einleitung vielleicht glauben könnte. Bei einem Thriller weiß der Leser oder die Leserin in jedem Augenblick, dass es Fiktion, nicht Wirklichkeit ist. Gaea Schoeters Roman ist zwar auch Fiktion, doch ahnt man in jeder Zeile es könnte (es ist?) Wirklichkeit sein.
Hunter White ist Investor und immens reich, er kann sich alles leisten, sich und seiner Frau jeden Wunsch erfüllen. Leidenschaftlicher Jäger ist er bereits in dritter Generation, weshalb ihm auch sein Vater den ungewöhnlichen Vornamen »Hunter« gegeben hat.

Sein Ziel als Jäger ist das Erlegen der sogenannten »Big Five«: Löwe, Leopard, Kaffernbüffel, afrikanischer Elefant und Breitmaulnashorn. Bis auf das Nashorn, hat Hunter alle schon geschossen. Van Heeren, sein Freund und Organisator von teuren Jagdsafaris ermöglicht ihm gegen eine große Summe die Erlaubnis zum Abschuss eines alten Nashorns, dass, obwohl dem Artenschutz unterliegend, für die Zucht und für die Arterhaltung nicht mehr in Frage kommt.
Hunter White sucht aber nicht nur die Jagd, den Schuss, das Töten, er sucht auch den Kick, die Gefährlichkeit. Büffel und Nashorn gelten als die für den Jäger gefährlichsten. Als sie im Busch auf ein Nashorn treffen, zögert Hunter, da er in der Dämmerung nicht erkennt, ob es das zum Abschuss freigegebene oder ein jüngeres Tier ist. Da kommen ihm die Wilderer zuvor. Am nächsten Tag finden sie zwei tote Nashörner, eines davon ist »seines«. Wütend und enttäuscht zieht er sich in die Lodge zurück.
In seinem Frust kommt van Heeren zu ihm und fragt ihn, ob er denn schon etwas von den »Big Six« gehört habe. Um nicht vorzugreifen, höre ich an dieser Stelle mit der Inhaltsangabe auf, nur so viel, Hunter White steigt auf den Vorschlag ein.
Der belgisch-flämischen Autorin und Journalistin Gaea Schoeters ist mit »Trophäe« ein ebenso radikaler wie provokanter Roman gelungen. Ein Kritiker bezeichnete ihn treffend als »ethischen Mindfuck«. Die Auseinandersetzung mit der Perversion der Großwildjagd und der Großwildjäger, die meinen mit Unsummen Geldes jedes Tier erlegen zu können um sich daheim ihre Villen mit Trophäen vollzupflastern, ist ebenso Thema, wie die Welt Afrikas mit ihren Nöten, ihrer Armut, ihrem Zwiespalt zwischen Tradition und Moderne und der daraus folgenden Korruption. All das verpackt in einem spannenden Roman in karger, packender Sprache, die den Leser nicht loslässt. Und es bleibt die Frage, was ist das Leben eines Tiers, was ist das Leben eines Menschen wert.
Wie eingangs gesagt, wer keine Angst davor hat sich dem Grauen des Buches zu stellen, der oder die wird mit einem großen Roman belohnt, der zurecht schon jede Menge Preise eingeheimst hat.
2024 04 05/Fritz Herzog