FederLesen

Mysterium Kleiderschrank

Heute Morgen lese ich in der Morgenpost einer österreichischen Tageszeitung (ich sag‘ nicht welche), dass jeder Europäer – und ich nehme an, dass auch die -innen mitgemeint waren – im Durchschnitt pro Jahr Bekleidung im Ausmaß von 26 Kilogramm kauft und, ebenso jährlich, elf Kilo wegwirft. Bedauerlicherweise wurde die Quelle nicht genannt und noch bedauernswerter ist es, dass für Ihren alten FederLesen- Autor zwei Fragen auftauchten, die unbeantwortet blieben. Ich will es zumindest teilweise versuchen.

Da ist einmal die Frage, bitte wer wiegt seine Kleidung ab? Kann man Bekleidung im Kilopreis erwerben? So à la »Bitte ein Kilo Hose und zehn Deka T-Shirt und für die Liebste bitte noch fünf Gramm Stringtanga«? In alter Wurstthekentradition müsste die Antwort der Verkäuferin dann lauten »derfs a bisserl mehr sein?« So geht das wohl nicht! Aber anscheinend hat sich jemand der Mühe unterzogen und das Gewicht der gekauften Kleidungsstücke gewogen.

Um mich der Beantwortung der zweiten Frage anzunähern muss ich meine Mathematikkenntnisse der Volksschule ausgraben. Wenn wir 26 Kilo kaufen und 11 Kilo in den Müll werfen oder in den Containern von Humanitas oder Caritana entsorgen, bleiben nach Adam Riese 15 Kilo übrig. Wo sind die? Und wiederum tun sich zwei mögliche Antworten über deren Verbleib auf.

Es scheint klar, dass die besagten 15 Kilo eben nicht entsorgt werden. Sie bleiben also im Kleiderschrank. Ich nehme einmal an, dass, in einem durchschnittlichen Haushalt, selbst im größten Ikea-Schrank die Kapazitätsgrenze nach spätestens zwei bis drei Jahren erreicht ist. Und dann? Gut, vielleicht ist das ein Hinweis, weshalb seit einigen Jahren die Self-Storage Läden buchstäblich wie die Schwammerl aus dem Boden sprießen. Aber selbst dort gibt es Grenzen – seien es die gemieteten Kubikmeter oder die monatlichen Kosten. Diese Variante über den Verbleib der 15 Kilo mag kurzfristig möglich sein, auf Dauer wird sie nicht funktionieren.

Die zweite Variante, ich will sie die mystische nennen, kann ich aus einem Selbstversuch zumindest teilweise begründen: Das Gewand verflüchtigt sich im Kasten auf geheimnisvolle Weise. Vielleicht haben Sie, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser, es auch schon einmal bemerkt.

Wenn ich im Frühjahr die Sommerkleidung auswintere und Herbst die Winterkleidung aussommere, stelle ich regelmäßig fest, dass diese in der Zeit, die sie unbenützt im Schrank hing, kleiner geworden ist. Das, was letzte Saison noch anstandslos um die Leibesmitte gepasst hat, erweist sich bei der neuen Anprobe als geschrumpft. Wieso die Kleidung allerdings schrumpft, bleibt ein Rätsel, ein Mysterium. Ebenso wohin sie sich verflüchtigt. Aber es könnte sich dabei um die verlorenen 15 Kilo handeln; ist zumindest naheliegend.

Kommen Sie mir jetzt bitte nicht mit so kleinlichen Argumenten, wie »die paar Zentimeter Enge rundherum begründen doch nicht den Gewichtsverlust von mehr als der Hälfte der Bekleidung«. Haben Sie eine andere Begründung? Eben!

Vielleicht aber lässt sich das »Mene tekel u-parsin«, »gewogen und für zu leicht befunden«, umkehren in »gewogen und für viel zu viel befunden«. Kaufen wir zu viel, gleich ob in der Boutique des Vertrauens oder aus Amazonien? (Okay, besser Ersteres als Letzteres). Müssen es wirklich 26 Kilo sein? Und wenn’s a bissl rundherum um die Wampe spannt, auch egal – Bauch einziehen oder Diät stehen als Möglichkeiten zur Verfügung; die Entscheidung bleibt Ihnen überlassen.

2024 05 18/Fritz Herzog

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