FederLesen

Lavie Tidhar: Maror

»Maror« bezeichnet jene Bitterkräuter, die traditionellerweise Juden am Sederabend zu Beginn des Pessach Festes in Erinnerung an die Bitterness der Sklaverei in Ägypten essen. Und es ist wahrlich ein bitteres Werk, das der israelisch-britische Autor seinen Leserinnen und Lesern hier vorsetzt, um nicht zu schreiben: zumutet. Nicht umsonst wird Tidhar als Superstar der literarischen Szene Israels ebenso gefeiert wie als Enfant terrible verurteilt; beidem kann ich aus meiner Sicht teilweise zustimmen.

Maror ist Krimi, Thriller und bis zu einem gewissen Grad auch ein Geschichtsbuch über das Israel der Jahre 1974 bis 2008. Dem Staatsgründer David Ben Gurion wird der Satz zugeschrieben: »Erst wenn wir unseren eigenen hebräischen Dieb, unsere eigene hebräische Hure und unseren eigenen hebräischen Mörder haben, haben wir wahrhaftig einen Staat«. Diesem Motto folgt Tidhar auf über 600 Seiten in 18 Kapiteln, die, obwohl es sich um jeweils in sich abgeschlossene Erzählungen handelt, in einem größeren Zusammenhang stehen und anhand derer auch die Geschichte Israels erzählt wird:

Die Hoffnung auf Frieden nach dem Camp David Abkommen 1978, die Ermordung Rabins 1995 und der Libanonkrieg 2006 sind in diesem Roman ebenso verpackt wie die Katastrophe bei einem Rockkonzert mit Massenpanik in Arad in der Negev Wüste 1995. Die Geschichten führen aber auch weit über Israel hinaus zu einem Doppelmord in Los Angeles, dem Drogenkartell Medellíns in Kolumbien und zum Showdown in Cancún in Mexiko.

Hauptfigur des Buches ist der Polizist Cohen. Cohen lebt und kämpft für sein Land, doch dabei ist er in seinen Methoden in keiner Weise zimperlich. Ständig wandert er auf einem Grat zwischen Gesetz und Korruption. Er mordet und manipuliert, er sorgt für Recht und sieht auch weg, wenn es ihm opportun erscheint und stets hat er zu all seinen Handlungen einen passenden Bibelspruch parat. Sein Gegenspieler, der Gangster Rubenstein sagt einmal zu ihm: »Ich werde nicht schlau aus dir. Was bist du, Polizist oder Gangster?« und Cohen entgegnet: »Ich wahre die Ordnung«.

Das Buch, auch wenn es als Thriller bezeichnet wird, ist in diesem Sinne keiner. Wer einen Thriller oder Krimi erwartet wird enttäuscht sein. Die Sprache Tidhars ist knapp und brutal, so vulgär und hemmungslos wie die Geschichten von Mord und Drogen, von Krieg und Waffenhandel, von Prostitution und Menschenhandel, von Korruption und Immobilienspekulation. Trotzdem scheint mir dieses Werk ebenso getragen von Tidhars Liebe zu diesem Land wie der Sorge um dieses Land und seine Gesellschaft.

Vielleicht bewahrheitet sich ja die Prophezeiung Ben Gurions und Israel ist längst ein ganz normales Land mit seinen eigenen »Dieben, Huren und Mördern«, so wie im Rest der Welt. Wer die schwere Kost Lavie Tidhars Roman Maror liest, wird es glauben. Jedenfalls wieder einmal eine Empfehlung Ihres FederLesen-Lesers.

2024 07 16/Fritz Herzog

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