FederLesen

Ein Loblied der Unordnung

»Veronika der Lenz ist da« kalauerten die Commedian Harmonists vor geschätzten hundert Jahren in den sündigen Ballsälen Berlins und aus rauschenden Grammophonen heraus. Aber, wenn ich aus dem Fenster blicke, von Lenz ist weit und breit keine Spur und auch der dort besungene »Spargel wächst« noch lange nicht und nur wenn sich vielleicht einmal ein paar zarte Sonnenstrahlen durch die Nebeldecke drängen, singen die Vöglein wie im Lied »tralala«.

Mittlerweile hat jedoch eine andere Veronika der im Lied besungenen den Rang in den Schlagzeilen abgelaufen. Veronika, die berühmteste Kuh zwischen Schleswig-Holstein und Jennersdorf, die Kuh, die sich mit Hilfe eines Besens an Stellen kratzen kann, an die sie sonst nie herankäme. Eine Kuh, die sich eines Werkzeugs bedienen kann. Die Sensationskuh aus Kärnten!

Wie es scheint, schreitet die Evolution auch im Kuhstall und auf den Almen voran. So wie unsere Urahnen zwischen Neandertal und Australopithecus vor zigtausenden Jahren erstmals die Vorteile eines Werkzeugs erkannt haben, so machte auch Veronika diese große Entdeckung, dass mithilfe eines Werkzeugs manche Dinge einfacher und leichter funktionieren oder überhaupt erst möglich sind.

So weit, so sensationell und jetzt können sich Kohorten von Kognitionsbiologen (wieder ein neues Wort in meinem Wortschatz) an der Kuh wissenschaftlich abarbeiten. Ob damit auch Rückschlüsse auf uns Menschen und unsere Entwicklung möglich sein werden, wird sich zeigen; genug Rindviecher gibt es auch auf zwei Beinen.

Der Frage, die jedoch weder in den Sensationsberichten der Medien noch von den Wissenschaftlern gestellt wird, die muss – weil’s sonst niemand tut – FederLesen stellen: Wie kam die Kuh zu dem Besen? Ich gehe einmal davon aus, dass auf der Weide kein Besen einfach so herumliegt; wozu wäre er dort auch gut und wer sollte die Weide zusammenkehren? Es wäre sinnlos. Auch im Stall würde der Besen irgendwo beim Eingang lehnen oder aufgehängt sein. Jedenfalls würde er da wie dort nicht einfach so herumkugeln; für die Kuh unerreichbar.

Es herrschte also, so mein Rückschluss, zumindest besenmäßig, eine gewisse Unordnung auf dem Bauernhof, auf dem die Kuh Veronika ihr milchgebendes Dasein fristete.

Foto: Kinderzimmer Anno 1996

Sie ahnen schon, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser, worauf ich hinauswill. Genau! Erst die Unordnung am Hof machte Veronika den Zugang zum Werkzeug möglich. Wäre der Besen, so wie es sich ordentlich gehört hätte, an seinem Platz gewesen, hätte die Kuh ihn nie erreicht und sie hätte weiter als dumme Kuh gegolten. So aber ermöglichte ihr die Unordnung diesen großen Schritt in der Evolution der Kühe.

Was lernen wir daraus? Na klar, in der Unordnung liegt die Kreativität (ein Blick auf meinen Schreibtisch bestätigt mir das ebenfalls) und Fortschritt ist nur in der Unordnung möglich. Wenn alle immer Gleichschritt marschiert wären und niemand aus der Reihe getanzt hätte, wenn alles immer nur nach »Vurschrift is Vurschrift« funktioniert hätte, säßen wir wahrscheinlich noch heute in irgendwelchen Höhlen und würden uns werkzeuglos dort den Arsch abfrieren und warten, dass endlich der Lenz käme und der Spargel wachse.

2026 01 30/Fritz Herzog

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