FederLesen

Simon Stranger: Vergesst unsere Namen nicht

Giorgio Bassani: Die Gärten der Finzi-Contini

80 Jahre nach dem Holocaust ist das Thema Faschismus, Nationalismus und Antisemitismus in Österreich und Europa aktueller denn je, weshalb ich heute zwei Leseempfehlungen zu diesem Thema gebe. Zwei Beispiele, die unterschiedlicher nicht sein könnten und trotzdem im Grunde dasselbe behandeln. Es werden diesmal keine Erzählungen aus Deutschland oder Österreich sein, sondern eine aus Norwegen und eine aus Italien.

Als der norwegische Autor Simon Stranger mit seinem kleinen Sohn durch die Straßen Trondheims spazierte, kamen sie zu einem im Gehsteig eingelassenen »Stolperstein«, der an eine dort einst wohnende jüdische Familie erinnert. Der Name am Stolperstein war Hirsch Komissar, ein Vorfahre der Frau des Autors. Daran knüpft sich die Geschichte der Familie über vier Generationen. Eine Geschichte, die von der Zeit der deutschen Besetzung und der Vernichtung der jüdischen Gemeinden Norwegens, der Flucht eines Teils der Familie nach Schweden, der Rückkehr nach Trondheim und der von den an diese Rückkehr anknüpfenden Problemen handelt.

In einem zweiten Erzählstrang wird die Geschichte von Henry Rinnan erzählt. Rinnan, klein von Wuchs, war bis zum Einmarsch der Deutschen das, was man einen klassischen »Underdog« (mir fällt kein passendes deutsches Wort ein) nennt. Nichts können, nichts leisten, ein Kleinkrimineller ohne Freunde. Doch sobald die Deutschen in Norwegen waren diente er sich der Gestapo an und entwickelte sich zu einem ihrer grausamsten Schergen. In einem »Bandenkloster« genannten Gebäude treiben Rinnan und seine Helfer (die »Rinnan-Bande«) ihr grausames Spiel mit Bespitzelung, Denunziation, Folter und Mord. Nach dem Krieg wird Rinnan verhaftet und 1947 hingerichtet.

Hirsch Komissar wird 1943 ermordet, aber seinen Söhnen gelingt die Flucht. Nach der Rückkehr erwirbt sein Sohn Gerson ausgerechnet das Haus »Bandenkloster« mit seiner schrecklichen Geschichte. Was dieses Haus mit der Familie, insbesondere mit seiner Frau Ellen und seinen Kindern macht, prägt neben der Rinnan-Geschichte einen wesentlichen Teil des Romans.

Ist in Strangers Roman das Grauen allgegenwärtig, so ist es in Giorgo Bassanis Roman »Die Gärten der Finzi-Contini« nur im Hintergrund spürbar. Es ist die Geschichte des Ich-Erzählers und seiner nicht erwiderten Liebe zu Micól Finzi-Contini. Italien 1938, die Rassengesetze Mussolinis engen das jüdische Leben immer mehr ein. Die jungen Leute wollen leben, studieren und – ja – Tennis spielen. Als sie als Juden aus dem Tennisclub ausgeschlossen werden spielen sie im riesigen Park der reichen Familie Finzi-Contini weiter.

Das bedrückende an diesem Roman ist im Gegensatz zur obigen ersten Leseempfehlung, dass nicht allzu viel geschieht. Plaudern, Tennis spielen und eine nicht erwiderte Romanze. Doch, bildlich gesprochen, draußen vor den Mauern des großen Parks oder Gartens nimmt das Leben von Einschränkungen und Ausgrenzungen seinen erdrückenden Lauf. Das Grauen bleibt unterschwellig und ist trotzdem ständig da. Das Buch endet mit dem Bruch der Beziehung zwischen Micól und dem namenlosen Ich-Erzähler.

Was beide Bücher gemeinsam haben, sie erzählen Geschichten von realen Personen. Die Familie Komissar hat es ebenso gegeben wie den Schlächter Henry Rinnan. Und Micól und die gesamte Familie Finzi-Contini wurde in den deutschen Konzentrationslagern ermordet. Ob der Autor der Ich-Erzähler ist, bleibt offen, es kann jedoch vermutet werden.

Zwei Bücher mit bedrückendem Inhalt mute ich Ihnen, meine geschätzten FederLeserinnen und -Leser heute zu, doch wenn das »nie-wieder« keine hohle Phrase bleiben soll, dann halte ich beide Bücher für hoch wertvoll und wichtig – nicht nur, aber gerade auch in diesen Tagen in denen faschistische Tendenzen in unserer Gesellschaft wieder Platz greifen.

2024 10 01/Fritz Herzog

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