FederLesen

Wilderer erlegen – ein Unfug

Zugegeben, bei der Überschrift meines heutigen FederLesen Beitrags habe ich mich an Fritz von Herzmanovsky-Orlando – einem Vorbild für so Nixernstesschreiberlinge wie ich einer bin – angelehnt. Aber bei seiner Kurzgeschichte »Apoll von Nichts oder Exzellenzen ausstopfen, ein Unfug« geht es um eine ganz andere Geschichte als jene, die ich heute erzählen will. Oder vielleicht doch, denn vom Ausstopfen vermeintlicher Trophäen zum edlen Gewerbe der Waidmänner ist es oft nur ein kurzer Weg.

Anlass für mein heutiges FederLesen ist eigentlich ein trauriger, nämlich das Ableben des Hermann Walder. Die älteren Semester unter meinen geschätzten FederLeserinnen und -Leser werden sich noch an den September 1982 und das, was sich damals im hinteren Villgratental in Osttirol ereignet hat, erinnern.

Da ging eines schönen Abends Pius Walder, der Bruder des Hermann, in den Wald auf die Pirsch. Er hatte vom Feldstecher bis zur Flinte alles dabei was einen guten Waidmann auszeichnet. Alles? Naja, eben fast alles, genau genommen alles außer einem gültigen Jagdschein. Er ging wildern, wie das so schön heißt und das ist ziemlich verboten und auf Wilderei stehen ganz ordentliche Strafen, so die Behörden eines solchen Strolches habhaft werden.

Ja, Wilderei ist strafbar und hat so überhaupt nix mit der Romantik à la »Der Wilderer vom Silberwald« zu tun, bei dem es sich übrigens um eine Wilderin gehandelt hat. Also schon in solchen 50er Jahre Kitschschinken wurde gedschändert.

Jedenfalls, »bumm«, und schon hat der gute Pius geschossen. Es sollte sein letzter Schuss sein, denn so ein Knall ist in einem engen Tal weithin hörbar. Ein paar brave Jägerlein – also solche mit Jagdschein – hörten den Knall und begaben sich auf die Suche nach dem Wilderer. Doch anstatt ihn zu fassen und der Polizei und Justiz zu überantworten, machten die beiden kurzen Prozess mittels Kimme, Korn und Blattschuss und beförderten so den armen Pius von den irdischen Jagdgründen in die ewigen.

In Innervielgraten ist Italien nicht weit und, so meinte Pius‘ Bruder Hermann, da könne auch er nach guter alter italienischer Tradition zur Vendetta gegen die beiden Schützen ausrufen. Zuerst am offenen Grab und später, als die beiden Täter vom Gericht – vorsichtig formuliert – ausgesprochen milde Urteile ausfassten, nochmals. Hermann hat zwar Blutrache mehr oder minder unverhohlen angekündigt, jedoch nie in die Tat umgesetzt (Gottseidank!). Was aber blieb, war sein ewiger Zorn. Verstärkt wurde dieser durch sein martialisch wirkendes äußeres Erscheinungsbild und seine zahllosen Auftritte in den diversen Medien, für die die Geschichte ohnehin ein gefundenes Fressen war.

Mord oder Totschlag, gepaart mit Wilderei und Drohungen nach Blutrache und das alles in einer wildromantischen Ecke Österreichs, sowas gibt für die Medien schon was her, an so etwas kommt kein Landkrimi und kein kitschiger Heimatfilm heran; true crime vom Allerfeinsten!

Nun, mehr als vierzig Jahre nach den Ereignissen vom September 1982 ist Hermann seinem Bruder in die Ewigkeit nachgefolgt. Weniger spektakulär ist er eines sogenannten natürlichen Todes verstorben. Seine letzte kleine Rache, nicht an den Tätern, sondern am Staat Österreich, dessen Justiz er so verurteilte, war, dass er sich nicht in seiner Heimat, sondern in Deutschland beerdigen lässt. Österreich wird’s aushalten! Jedenfalls kann in diesem stillen Winkel Osttirols jetzt wieder Ruhe und Frieden einkehren. Wildern getraut sich dort seither, soviel ich weiß, sowieso niemand mehr. Das freut sicher nicht nur Hirsch und Gams und Rehlein, sondern auch die dortige Jägerschaft.

2026 02 15/Fritz Herzog

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